senseAbility – Mediale Praktiken des Sehens und Hörens (#BookReview, german)

Wer Hören und Sehen als zwangsläufig natürlich gegebene Fähigkeiten interpretiert, geht unweigerlich auch davon aus, dass als „unnatürlich“ gilt, wer nichts hört oder sieht. Was aber, wenn wir beides als Praktiken begreifen, die sich eher als Effekte technologisch bedingter Handlungszusammenhänge ergeben?

Im historischen Verlauf haben sich visuelle und auditive Wahrnehmungstechniken stets auch im Kontext der zur Verfügung stehenden Werkzeuge und Medien entwickelt und verändert. Im digitalen Zeitalter wird dies noch einmal besonders deutlich.

In dem jüngst erschienenen Band senseAbility – Mediale Praktiken des Sehens und Hörens versammeln Beate Ochsner und Robert Stock (Universität Konstanz) eine Reihe von Fallbeispielen, anhand derer sich die enge Verzahnung sinnlicher Wahrnehmungen und technologischer Umwelten exemplifizieren und diskutieren lassen. Im Buch geschieht dies aus verschiedenen, vorrangig medien-, kunst- und kulturwissenschaftlichen, sowie medienhistorischen und soziologischen Perspektiven.

Deutlich wird dabei auch, dass die Bandbreite (und auch die Deutungsweise) von „Fähigkeit“ und „Unfähigkeit“ sensorischer Wahrnehmung sehr divers ist, zumal dann, wenn man sie in Relation zum komplexen Geflecht aus menschlichen und materiellen Objekten, Techniken und Körpern untersucht.

Dass dies auch einen anderen Umgang mit dem Begriff „Behinderung“ ermöglicht, wenn nicht gar erfordert, wird besonders deutlich im Zusammenhang mit so genannten assistiven Geräten, wie z.B. dem Hörgerät oder dem Cochlea Implantat, jener Hörprothese für Gehörlose, die mittels Mikrofon, Sprachprozessor, Magnetspule und Elektroden das Hören für Menschen möglich macht, deren Hörnerv nicht gänzlich funktionsbeeinträchtigt ist. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive arbeitet Karin Harrasser heraus, dass ein solches Implantat natürliches Hören nicht einfach nur ersetzt oder kompensiert, sondern dass man mit solch einem Gerät „anders hört“. Anders, als es die Mehrheitsgesellschaft womöglich gewohnt ist. Dass eine wie auch immer geartete Hörerfahrung durch den Einsatz von Technologie allerdings überhaupt möglich ist, erzeugt noch einmal einen verstärkten Druck auf diejenigen, die diese Technologie nicht nutzen können oder sie ablehnen.

Technologie kann vor diesem Hintergrund somit häufig beides sein: Eine Technologie der „Ermöglichung“ oder eine Technologie der „Ausgrenzung“ und „Behinderung“. Die Lektüre von senseAbility „ermöglicht“, darüber genauer, vielleicht anders als bisher, nachzudenken.


Tom Bieling
, Dezember 2016

             

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Beate Ochsner, Robert Stock (Hg.)
senseAbility – Mediale Praktiken des Sehens und Hörens
Transcript Verlag ISBN 978-3-8376-3064-0
448 Seiten, 34.99 EUR

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