Urban Activism in Eastern Europe and Eurasia – Strategies and Practices

Buchbesprechung von Tom Bieling

Städte und urbane Räume stellen sich uns oft als Orte dar, die von autoritären, neoliberalen Strukturen geprägt sind. Im jüngeren historischen Verlauf Osteuropas und Eurasiens gibt es hierfür – anders als im „westlichen“ Kontext – nochmals ganz eigene Indizien und Dynamiken. Vor diesem Hintergrund lässt sich eine wachsende Zahl an Graswurzelbewegungen verzeichnen, die sich (als Einzelpersonen oder in Gruppen) theoretisch wie praktisch und somit aktiv intervenierend mit der Entwicklung und Aneignung von Stadtraum und den damit verbundenen Möglichkeitsfeldern für städtischen Wandel auseinandersetzen.

Eine Form von urbanem Aktivismus an der Schnittstelle zwischen bürgerschaftlichem Engagement und anthropologischer Forschung, Architektur und Städteplanung, Politikwissenschaften und Soziologie. Ein Ausgangspunkt besteht darin, gesellschaftliche Herausforderungen community-basiert anzugehen, und zwar logischerweise von jenen Communities, die davon am stärksten (und mitunter auch am wehrlosesten) betroffen sind.

Aktivistische und gestalterische Praktiken gehen dabei häufig Hand-in-Hand. Vorschläge für mögliche Zukünfte werden nicht nur benannt und eingefordert, sondern liefern auch Impulse für deren Umsetzung. Gleichwohl geht es vor allem um eine konstruktive, diskursive Form der Auseinandersetzung. Denn urbaner Aktivismus ist allem voran ein dynamischer Prozess: Er beginnt, wenn Gruppen innerhalb der Gesellschaft Veränderungen fordern und die Gesellschaft darauf reagiert – entweder indem sie Widerstand leistet oder die von ihm ausgehenden Impulse aufgreift und in weitere Entwicklungsschritte miteinbezieht.

Mit „Urban Activism in Eastern Europe and Eurasia – Strategies and Practices” haben Tsypylma Darieva und Carola S. Neugebauer eine ganze Reihe an multidisziplinären Positionen und Perspektiven zusammengetragen, sowie Interviews mit lokalen Aktivist*innen geführt.

Besonders spannend dabei einerseits die Frage, welches die Hauptmerkmale heutiger postsowjetischer Städte sind, und wie sich andererseits Strategien und Praktiken städtischen, bürgerschaftlichen Engagements da- wie dorthin übertragen lassen können – sowohl auf der Mikroebene als auch in größerem Maßstab.

Passende Stichworte liefert hierfür z.B. der Beitrag von Oleg Pachnenkov und Lilia Voronkova („‘Productive‘ Urban Activism“, S. 53ff, und „Strategic and Tactical Activism”, S. 56 ff, sowie „The City Space as a Cause and Consequence of the Transformation of Public, Political Sphere“, S. 64 f).

Gerade im Verlauf des jüngeren Zuwachses an globalen und lokalen, sozialen Bewegungen lassen sich immer wieder auch Diversifizierungen aktivistischer Taktiken und Stilmittel erkennen, die ihrerseits durchwoben sind von Techniken der vernetzten Kommunikation, des performativen Ausdrucks, der sozialen Begegnung, der räumlichen Aneignung. Der gestalterische (manchmal künstlerische) Einsatz von Methoden, Werkzeugen, Produkten und Materialien vermag Menschen und Communities dabei helfen, sich auszudrücken, mit einem breiteren Publikum zu kommunizieren und Netzwerke innerhalb und außerhalb ihrer sozialen Bewegungen aufzubauen und zu unterstützen.

Gerade weil sich – hier: architektonische, räumliche, (städte-)landschaftliche – Gestaltung direkt auf die Wahrnehmung, das Erleben, die Emotionen und damit auf die Handlungen der  Rezipient*innen auswirken, eröffnen sich hier Spielräume, die über die praktische Nutzung von Raum hinauszugehen und somit nicht zuletzt in der sozialen Dynamik aktivistischer Kontexte von struktureller Bedeutung sind.

Es spricht für die Autor*innen, dass hierbei auch Grenzen aufgezeigt werden („The Limited Power of Activism“, Neugebauer/Semenow/Denysenko, S. 147). Denn ein breites Verständnis, einschließlich der Schwierigkeiten und Fallstricke von städtischem Aktivismus – zumindest in einem solchen frühen Stadium der Forschung und interdisziplinären Reflektion – scheint ein geeigneter Weg, um die dynamischen, innovativen Prozesse und Neurungen städtischen, bürgerschaftlichen Engagements im postsowjetischen Eurasien zu erfassen.

Tom Bieling, November 2020

 


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Tsypylma Darieva & Carola S. Neugebauer (Eds.)
Urban Activism in Eastern Europe and Eurasia:
Strategies and Practices

208 Seiten; DOM Publishers, September 2020
ISBN 978-3-86922-739-9

Citation Information:
Bieling, Tom (2020): Urban Activism in Eastern Europe and Eurasia: Strategies and Practices. Buchbesprechung. In: DESIGNABILITIES Design Research Journal, (11) 2020. https://tinyurl.com/yx8lyu4o ISSN 2511-6274

 

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