Bewegungsbilder – Politische Videos in Sozialen Medien

Buchbesprechung von Tom Bieling

Aktivistische Videos sind annähernd so alt wie das Medium Film selbst. Seit einigen Jahren scheint sich mit ihnen und durch sie jedoch ein zunehmender politischer Einfluss zu entfalten, der insbesondere in die innere Logik und Wirkungsmacht der Sozialen Medien eingebettet ist. Ihr Spektrum reicht von aus der Hüfte geschossenen Zeugenvideos bis hin zu aufwendig produzierten Videokampagnen.

Politisch motivierte, audiovisuelle Bewegtbilder im Netz sind zu entscheidenden Einflussfaktoren avanciert, die gerade auch im Angesicht der massenmedialen Verbreitung, allgemeinen Empörungsmechanismen und im Dickicht der unterschiedlichen Interessensgruppierungen unterschiedliche (Distributions- und Perzeptions-) Dynamiken entfachen. Aktivistische Webvideos beeinflussen, nein machen Politik.

Doch worin genau besteht die Macht der Videos? Wie wirken sie auf uns? Und inwiefern unterscheidet sich ihr Wirken auf unterschiedliche Menschen und Communities? Welche ästhetischen Formen welche rhetorischen Strategien beinhalten und entfalten sie? Gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen um Fake News, Hate Speech, Shitstorms und Troll-Fabriken müssen diese Fragen neu bewertet werden.

Als Gegenstand (nicht nur medien-) wissenschaftlicher Untersuchung fungiert der Videoaktivismus spätestens seit Aufkommen der Protest- und Bürgerbewegungen der 1960er Jahre, die nicht zuletzt im Wechselspiel mit den Massenmedien, aber auch im Lichte aufkommender Technologien von Taktiken und Experimenten geprägt waren, marginalisiertes Denken und Handeln ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Mit der dauerhaften und niedrigschwelligen, digitalen Verfügbarkeit entsprechender Hard- und Software und der unmittelbaren Anbindung an globale Netzwerke, haben sich nicht nur die Methodenspektren erweitert, sondern auch die Anzahl der (potenziellen) Akteur*innen erhöht.

Globale Protestbewegungen wachsen, weil Aktivist*innen lernen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, ihre Aktionen, Botschaften und Triumphe in Bild und Ton festzuhalten und sie mit anderen – Gleichgesinnten oder Gegner*innen – auf der ganzen Welt zu teilen.

Das bedeutet auch, dass „Medien“ sich nur mit Aktivismus befassen, sondern Aktivismus einerseits zunehmend medial agiert, aber auch Medien selbst aktivistisch operieren. Stets vermittelt durch Informations- und Kommunikationstechnologien, Interaktions- und Kooperationsmedien, und unweigerlich umgeben von einer Ästhetik des Agitierens, Organisierens, Polarisierens und Propagierens.

Je nach Perspektive changiert der Video-Aktivismus dabei zwischen Selbstermächtigung und politischer Lobbyarbeit, zwischen Demokratisierung und Radikalisierung, zwischen Faktizität und Täuschung, Wissen und Meinung, Provokation und Manipulation, Mobilisierung und Diffamierung, Poesie und Populismus, zwischen Teilhabe und Instrumentalisierung. Das hat auch damit zu tun, dass nicht immer klar ist, welche Urheber*innen hinter bestimmten aktivistischen Videos stehen, wer genau die Nutznießer*innen seiner Verbreitung, und wie authentisch die gezeigten Inhalte sind.

Es sind genau diese Unklarheiten, die letztlich auch zum immensen Erfolg sowohl der Videos selbst, als auch dem der sie bereitstellenden (insbesondere Video- und Social-Media-) Plattformen beitragen, die sich ihrerseits immer wieder durch erneute, collagenhafte, transmediale Bezüge speisen.

In „Bewegungsbilder – Politische Videos in Sozialen Medien“ gehen Jens Eder, Britta Hartmann und Chris Tedjasukmana all dem kurzweilig und fundiert auf den Grund. Den medialen Strukturen, den ästhetischen Formen, der mit ihnen verbundenen politischen Wirkung, und ihrem Verhältnis zur Öffentlichkeit.

Die darin formulierten und daraus generierten Fragen sind nicht nur wichtig und berechtigt. Sie bleiben streckenweise vor allem eines: offen (was an dieser Stelle nicht als Schwäche der Publikation zu missverstehen ist). Denn welche Rolle das politische Video für uns spielen soll, hängt zu weiten Teilen auch von uns Rezipienten ab, und davon, welchen Stellenwert wir ihm beimessen. Inwiefern politische Praxis es beeinflusst oder sich von ihm beeinflussen lässt. Und ob die mit ihm verbundenen Strategien der Emotionalisierung letztlich Motor für emanzipiertes Handeln oder Ausdruck konformistischen Politikkonsums sind.

Nicht nur, aber auch davon wird abhängen, inwieweit die (neue) Macht bewegter Bilder zur Ermächtigung oder doch eher zur Ohnmacht der politischen Subjekte beiträgt.

Tom Bieling, Oktober 2020

 

 

  >>> Download this Paper (PDF)

 

 


Jens Eder / Britta Hartmann / Chris Tedjasukmana
Bewegungsbilder –
Politische Videos in Sozialen Medien
128 Seiten; Bertz & Fischer, September 2020
ISBN 978-3-86505-750-1

 

Citation Information:
Bieling, Tom (2020): Bewegungsbilder – Politische Videos in Sozialen Medien. Buchbesprechung. In: DESIGNABILITIES Design Research Journal, (10) 2020. https://tinyurl.com/yyqx6ach ISSN 2511-6274

 

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