Book Review (german): Cairo – Images of Transition. Perspectives on Visuality in Egypt 2011-2013 // Mikala Hyldig Dal (Ed.)

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[Transcript, September 2013, 186 S., kart., 34,90 €; ISBN 978-8376-2615-5]

Wie dokumentiert man Geschichte, die gerade selbst im Begriff ist geschrieben zu werden? Wie lässt sich demokratisches Verständnis visualisieren? Und wer sind die Akteure wenn sich Geschichte als Bild manifestiert? Mit „Cairo: Images of Transition“ kompiliert Mikala Hyldig Dal anhand zahlreicher Gastbeiträge eine Fülle an Positionen und Blickwinkeln auf die Wechselbeziehung von Politik und Ästhetik seit dem Beginn der ägyptischen Revolution. Und schafft damit einen bereichernden Blick auf die Ikonografie des Umbruchs.

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[Gleichzeitigkeit von medialer Inszenierung und ikonischem Entstehen: Junger Mann, der auf einer Demo vor der israelischen Botschaft sein Laptop in die Luft hält, auf dem ein Livestream genau jener Versammlung zu sehen ist, deren Teil er in genau diesem Moment ist]

Diese umfasst selbst Alltagsgegenstände, die in Zeiten des Umbruchs mitunter erstaunliche Prozesse der De- und Re-kontextualisierung durchlaufen, in dem sie dabei zu visuellen Zeichen, zu Metaphern, zum politischen Statement werden. Der blaue BH ist ein solches Symbol: Nachdem Sicherheitskräfte im Dezember 2011 eine Protestteilnehmerin brutal zusammenschlagen und halb ausziehen, wobei ihr blauer BH sichtbar wird, verbreitet sich eine Videoaufnahme der Tat viral millionenfach. Demonstranten tragen in den darauffolgenden Tagen Papptafeln mit Ausdrucken der Video-Szene durch Kairos Straßen. Bald schon finden sich Graffiti Stencils in Form von stilisierten BHs in Kairos Straßenbild. Innerhalb kurzer Zeit wandert eine Begebenheit von der Straße ins Netz und von dort wieder zurück auf die Straße und durchschreitet dabei unterschiedliche Abstraktions- und (Be-)Deutungsebenen. Die betroffene Frau selbst, ihr geschundener Körper, und dann das blaue Kleidungsstück werden zu Symbolen für staatliche Unterdrückung, Polizeigewalt und (insbesondere weiblichen) Widerstand.

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[Icons in Flux 1: Der blaue BH. Oben: Teilnehmerinnen eines Frauen-Protest-Marsches halten ein Video-Still des Vorfalls in die Höhe. Unten: In einer Street Art Interpretation des Vorfalls werden die Polizeikräfte als teuflische, behörnte Wesen dargestellt. Anstelle des blauen BHs trägt die Frau ein Oberteil in den ägyptischen Landesfarben] 

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[Icons in Flux 2: Der blaue BH. Oben: Leinwandbild – Die Polizeikräfte als animalische Wesen]

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[Icons in Flux 3: Der blaue BH. Reduziert auf ein Maximum an Aussagekraft – der blaue BH als Stencil]

Die im Buch thematisierte Ikonografie des Umbruchs unterstreicht den veränderlichen Status des Bildes als Kommunikationsmittel und dessen Potenzial als ausdrucksstarker Akteur im Wandel. Dies nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund des technischen Fortschritts, dem im Zuge des Arabischen Frühlings eine nicht unbedeutende Rolle zu Teil wird. Allen voran die Ausstattung breiter Bevölkerungsschichten mit Mobiltechnologie und deren Zugriff auf soziale Netzwerke haben dazu geführt, dass jeder Moment ein potenzielles Bild, jedes Bild die Möglichkeit beinhaltet, soziale Identitäten, kulturelle Befindlichkeiten und politische Standpunkte zu konstruieren, kommunizieren und manifestieren.

„The Egyptian revolution has been called ‚the most televised revolution ever’“ (Annelle Sheline)

Dies gilt zumal vor dem Hintergrund gewalttätiger Machtausübung. Jedes Handy, jede Kamera ist auch potenzieller Zeuge und augenblicklicher Multiplikator. Daraus ergeben sich wechselseitige Konstellationen: Personen, Handlungen und Orte finden nicht mehr nur allein durch ihre physische Präsenz statt, sondern auch als abstrakt-virtuelle, imaginäre Sinnbilder. Im Gegenzug manifestieren sich medial transportierte Symbole in den Handlungen der Akteure und werden somit wieder greif-, spür- und sichtbar. Das wohl bekannteste Beispiel: Der von Menschenmassen bevölkerte Tahrir Platz, dessen Ansicht aus der Vogelperspektive nachhaltig in das kollektive Gedächtnis globaler Revolutions-Ikonografie eingeschrieben ist.

Kein Zweifel, der Umbruch seit der ägyptischen Revolution ist nicht nur Spiegelbild eines  gesellschaftlichen Wandlungsprozesses – auch visuelle Codes, Ausdrucksformen und kommunikationsbezogene Vertriebswege (zumal im öffentlichen Raum) stehen im Zeichen der Veränderung. Beides hängt unweigerlich miteinander zusammen. Das Buch durchleuchtet dieses Wechselspiel. Auf erhellende Weise.

[Tom Bieling]

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