Aesthetics of Sustainability

Tom Bieling | Buchbesprechung

 

Die Gestaltung von Dingen und Räumen ist unweigerlich mit deren (werk-) stofflichen Beschaffenheit, also ihrer Materialität verbunden. Oberflächenstrukturen oder sensorische Merkmale sind dabei ebenso von Bedeutung, wie funktionale, ästhetische Aspekte oder solche der an sie gekoppelten Bedeutungszuschreibungen.

Nicht nur aus technologischen oder soziokulturellen Betrachtungsrichtungen offenbaren sich Material und Materialität als zentrale Bestandteile eines komplexen Beziehungsgeflechts. Mit der experimentellen Materialforschung hat sich ein Untersuchungsfeld entwickelt, in dem vielfältige und Anwendungsbereiche in den Blick genommen werden, entlang derer sich immer wieder neue Handlungsfelder und Kompetenzen für die gestaltenden Disziplinen ergeben (Stichwort Smarte Kleidung, Biomimetisches Design, Soft Technologies, Future Crafts etc.).

Dem Material wird dabei durchaus eine aktive Kraft im Entwurfsprozess beigemessen. Die „Material Agency“, also die den Werk- und Rohstoffen innewohnenden Eigendynamiken, Wirk- und Handlungsmächte, um die sich in den Kulturwissenschaften längst der Begriff des „Material Turns“ oder „New Materialisms“ gebildet hat.

Im Zuge der Nachhaltigkeitsdebatte ergeben sich dabei eine Reihe an Potenzialen. Sei es in Bezug auf ökologische Aspekte (Produktions- und Entwicklungsprozesse des Materials im Verhältnis zu ihrer Ökobilanz), funktionale Aspekte (Materialeigenschaften unter dem Kriterium der Robustheit und Langlebigkeit), ökonomische Aspekte (Materialkosten jenseits einer einzig auf die maximale Gewinnspanne zielende Dynamik) oder ästhetische Aspekte (als Konkurrenz zu einer Ästhetik des Nicht-Nachhaltigen).

Die epistemischen und innovativen Potenziale der praxisbasierten, experimentellen Material- und Designforschung werden in der akademischen Sphäre zunehmend anerkannt und nicht zuletzt von Unternehmen nachgefragt. Designer*innen sind dabei in der Lage, Material zu durchdringen und experimentell in eine neue, multifunktionale Ästhetik zu überführen.

Mit dem Buch „Aesthetics of Sustainability“ zeigen Thilo Alex Brunner et al. anhand von vierzehn Fallstudien auf, wie so etwas vonstatten gehen kann. Unterteilt in unterschiedliche Kategorien der Schwerpunktausrichtung und Herangehensweise (Re-imagine, Re-organise, Re-appropriate, Re-direct, Re-consider, Re-combine und Agents) wurden Materialien etwa aus pflanzlichen Fasern wie Algen, Reisspelzen, Hanf, Flachs oder Holz, aus Textilabfällen, Recyclingpapier oder Gummigranulat entwickelt.

Anhand von Experimenten und eigens entwickelten Prototypen sind daraus neue Werkstoffe mit ebenso neuartigen (z. B. form-, press- oder schweissbaren) Materialeigenschaften entstanden, die uns teilhaben lassen an analytischem Methodenwissen und projektgeleiteten Entwicklungsprozessen.

Wenngleich der Schwerpunkt des Buches auf der Praxisebene ebendieser Projektbeispiele liegt, findet anhand einiger Kurzbeiträge dennoch eine reflektierte Betrachtung der erweiterten Zusammenhänge statt. Denn klar ist auch, dass die Gestaltungsprozesse – und überhaupt: die Welt – komplex und verschachtelt sind und wirklich grundlegende Veränderungen hin zu einer nachhaltigeren Grundhaltung selten isoliert erfolgen (können).

Ein Nachdenken über eine nachhaltige Zukunft muss beispielsweise auch die Wechselwirkungen von sozialen und ökologischen Systemen berücksichtigen. Während wir in einer Zeit, in der die natürlichen Ressourcen zur Neige gehen, unweigerlich dazu angehalten sind, neue Materialien aus eher unerschlossenen Bereichen wie Müll oder unerforschten, schnell wachsenden erneuerbaren Ressourcen zu gewinnen, ist es vielleicht noch entscheidender, die damit verbundenen sozialen und kulturellen Praktiken zu untersuchen. Denn das Soziale ist stets eingebettet in das Artefaktische. Um also unsere Beziehung zu unserer Umwelt neu zu gestalten, sind auch unterschiedliche Infrastrukturen von Dingen, Menschen und Fähigkeiten erforderlich, die zumindest teilweise durch Design vermittelt werden könnten.

Tom Bieling, März 2021

 


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Thilo Alex Brunner (Hrsg.)
Aesthetics of Sustainability.
Material Experiments in Product Design
Englisch, 272 Seiten; Triest Verlag, März 2021
ISBN 978-3-03863-062-3

Mit Beiträgen von Christophe Guberan, Chris Lefteri, Ala Tannir u.a.

 

Citation Information:
Bieling, Tom (2021): Aesthetics of Sustainability. Buchbesprechung. In: DESIGNABILITIES Design Research Journal, (3) 2021.
https://tinyurl.com/wedeuu7m ISSN 2511-6274

 

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