Gewinner und Verlierer nach Covid-19. Teil V (letzter Teil): Stakeholder-Kapitalismus

von Sibylle Barden

 

Wie wird die Welt nach Covid-19 aussehen? Die Frage ist so weit gefasst, wie die Zerstörung durch das Virus. Die Pandemie hat uns 7,8 Milliarden Weltbürger in den Ausnahmezustand versetzt, 170 Mitgliedsländer des Internationalen Währungsfonds in die Rezession gestürzt und einen neuen Schuldenberg von unabtragbarer Höhe erschaffen. Der verordnete Stillstand, der ursprünglich als begrenztes künstliches Koma gedacht war, entpuppt sich als unkontrollierbarer Tipping Point, als Umkehrpunkt für das gesamte System. Der Kapitalismus in seiner derzeitigen Form hat alle Trümpfe ausgereizt. Wohin unsere Reise geht, liegt vor allem an der Intelligenz und dem Willen der Machtverschieber sowie den Zukunftsmodellen, auf die sie zurückgreifen können. Im fünften und letzten Teil unserer Serie “Gewinner und Verlierer nach Covid-19” widmet sich Sibylle Barden einem neuen Wirtschaftsmodell: dem Stakeholder-Kapitalismus.

Stakeholder Management wird seit langem in Unternehmen praktiziert

Der Begriff Stakeholder und das damit verbundene Stakeholder Management kommt aus der Wirtschaft, wo ein Unternehmen alle Stakeholder, sprich alle internen und externen Personengruppen managen muss, die direkt oder indirekt von den Tätigkeiten eines Unternehmens betroffen sind, Ansprüche und Erwartungen haben und daher Einfluss auf das Unternehmen ausüben. Man spricht auch von Anspruchs- oder Interessengruppen. Für ein Unternehmen bedeutet das konkret: Ansprüche und Erwartungshaltungen von Kunden, Mitarbeitern, Handelspartnern, Lieferanten, Öffentlichkeit, öffentlicher Verwaltung, Gesetzgebern, Politik, Verbänden und Verbraucherschutz, Banken und anderen Kapitalgebern sowie Eigentümern strategisch zu managen. So die offizielle Version. Inoffiziell haben sich Wirtschaft und Politik seit Dekaden auf lediglich einen einzigen Stakeholder fokussiert – den Aktionär. Dessen Anspruch auf absolute Gewinnmaximierung mußten sich alle anderen Mitglieder der Stakeholderkette unterordnen.

Es ist Zeit für einen neuen Kapitalismus  

Professor Klaus Schwab, der Gründer und Vorstandsvorsitzende des Weltwirtschaftsforums in Genf, hat bereits 1970 die Idee eines Stakeholder Kapitalismus in seinem „Davos Manifest“ geboren. 50 Jahre später, im Januar 2020, formulierte er sein Modell beim Jahrestreffen der Weltelite in der Schweiz folgendermaßen: “Der Zweck eines Unternehmens besteht darin, alle seine Stakeholder in die gemeinsame und nachhaltige Wertschöpfung einzubeziehen. Bei der Schaffung dieses Werts dient ein Unternehmen nicht nur seinen Aktionären, sondern allen seinen Stakeholdern – Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten, lokalen Gemeinschaften und der Gesellschaft insgesamt.“

Schwab betrachtet Unternehmen als Treuhänder der Gesellschaft –
Ein Unternehmen dient nicht nur Aktionären, sondern allen Stakeholdern

Seines Erachtens müssen moderne Unternehmen heute mehr leisten. “Sie müssen auch die Interessen anderer Gruppen – zum Beispiel der Beschäftigten, der kritischen Öffentlichkeit, die der Umwelt mitbedenken. Auch wenn das im Einzelfall geringere betriebswirtschaftliche Profite mit sich bringt.“ Unternehmen müssen ihren gerechten Anteil an Steuern zahlen. Sie sollten Korruption keinesfalls tolerieren und die Menschenrechte in ihren globalen Lieferketten achten. Und sie sollten einheitliche Wettbewerbsbedingungen respektieren.

Schwab spricht davon, eine Kennzahl für die „gemeinsame Wertschöpfung“ zu kreieren, die die Finanzkennzahlen ergänzt und eine Optimierung der Ziele für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung ermöglicht. Eine zweite Maßnahme wäre laut Modell, die Anpassung der Vergütung von Führungskräften. „Seit den 1970er-Jahren sind die Gehälter von Führungskräften in die Höhe geschnellt, hauptsächlich um das Management an den Aktionären ‚auszurichten’. Im neuen Stakeholder-Modell sollte sich die Vergütung eher an der langfristigen gemeinsamen Wertschöpfung orientieren.“

Der Stakeholder-Kapitalismus, als Modell, ist die einzige Organisations-form, die soziale Verantwortung inklusive Umweltfrage mit dem System der Marktwirtschaft verbindet.  

Der heutige wirtschaftliche Umbruch bietet die seltene Gelegenheit, den Kapitalismus umzustrukturieren, zu reformieren, damit er für einen breiteren gesellschaftlichen Bereich funktioniert. Das Modell des Shareholder Kapitalismus, das wir im Westen praktizieren, welches das Streben nach Gewinn als das Hauptziel von Unternehmen herausstellt, hat ausgedient. Warum? Weil es bis zum Ende der Effektivität und Moral ausgereitzt ist. Weil es Menschenleben kostet, die Natur zerstört, weil eine Gesellschaft, ein Unternehmen das eigene Wohl nicht auf Kosten des ganzen Globus ausrichten kann. Die Weiterentwicklung des Shareholder-Kapitalismus (für Aktionäre) in Stakeholder-Kapitalismus (für die Gesellschaft) ist erforderlich für das Überleben von Mensch und Natur.

Bisher hat die Globalisierung vor allem der Wirtschaft gedient – höchste Zeit, dass sie auch der Gemeinschaft dient  

„Die Welt ist keine Obstschale, von der wir uns nehmen können, was wir wollen“, mahnte Naturforscher Sir David Attenborough die Weltelite beim Jahrestreffen in Davos im Januar 2020. „Wir sind ein Teil von ihr. Wenn wir sie zerstören, zerstören wir uns selbst.“ Das genau aber tun wir und ignorieren dabei alle Warnzeichen, ob vom Klima oder den Finanzen ausgehend. Die Zeit für dezente politische Kurskorrekturen, die für einen vernünftigeren Lebensstil gesorgt hätten, ist abgelaufen. “Der Immer-Weiter-Schneller-Mehr-Kapitalismus der letzten 30 Jahre muss aufhören”, sagte Entwicklungsminister Gerd Müller vor kurzem. In der Coronakrise sieht er „einen Weckruf an die Menschheit“ und fordert ein „Umdenken in Sachen Raubbau an der Natur.“ Diesen macht Müller mitverantwortlich für die Pandemie. „Ich fordere eine Abkehr vom traditionellen Kapitalismus.“

Ein CSU-Bundesminister fordert öffentlich die Abkehr vom traditionellen Kapitalismus

Der Stakeholder-Kapitalismus des “Davos Manifests” von Klaus Schwab fordert Unternehmen dazu auf, Nachhaltigkeit und Umweltschutz eine zentrale Rolle einzuräumen. “Sie könnten dazu beitragen, übergeordnete gesellschaftliche Ziele zu erreichen, etwa das Pariser Klima-Abkommen und die VN-Ziele für nachhaltige Entwicklung.” Für die Umsetzung der Ziele ist sein Weltwirtschaftsforum eine aktive Partnerschaft mit den Vereinten Nationen eingegangen.

Wir müssen uns selbst schützen

Wenn es zu Erschütterungen und Krisen kommt, sei es in Form eines Virus, einer Finanzkrise oder eines Krieges, kann die Weltbevölkerung nicht mit der Unterstützung von Milliardären und reichen Aktionären rechnen. Die helfen sich nur effizient untereinander und profitieren, wie meine vorherigen Essays zeigen, von Krisen. Wir müssen uns also selbst helfen. Sollte es nach Covid-19 und dem globalen Wirtschaftseinbruch zu steigender Armut und damit einhergehenden Bürgerunruhen, Chaos und gewalttätigen Aufständen kommen, müssen Politik, Wirtschaft und internationale Organisationen vorbereitet sein: Nicht mit brachialen Ad-hoc-Maßnahmen, sondern mit einem handfesten Zukunftsmodell, einer Vision, die Menschen einen positiven Ausweg weist. Stakeholder-Kapitalismus kann so ein Ausweg sein.

Sibylle Barden, Mai 2020

 

  >>>Download this Paper (PDF)!

 

Quellen: Professor Klaus Schwab “Stakeholder Kapitalismus / Davoser Manifest”, Rede vom Januar 2020 beim Jahrestreffen des World Economic Forums, Webseite des World Economic Forums, diverse Interviews und Gastbeiträge / Strategic Stakeholder Management, Open University Business School, London / Zitat Entwicklungsminister Gerd Müller – Rheinische Post, Zitat Papst Franziskus – Il Sole 24 Ore, Zitat Sir David Attenborough – aus seiner Rede beim World Economic Forum Jahrestreffen in Davos 2020.

 

Serie: Gewinner und Verlierer nach Covid-19
Teil I – Das Finanzsystem
Teil II – Die Europäische Vision
Teil III – Asiens Führungsanspruch
Teil IV – Das Ecosystem des Menschen
Teil V – Stakeholder-Kapitalismus

 

————————————————————————————————
Sibylle Barden ist Publizistin. In ihrem 2019 erschienenem Wirtschaftsthriller „Der Honiganzeiger“ zerstört das tödliche Honiganzeiger-Virus erst Leben, dann unsere Weltordnung. Europa zerbricht, und im Jahr 2028 teilt sich die internationale Oligarchie die Welt untereinander auf. Barden ist ausgebildete Journalistin und verfügt über einen Master of Business Administration. Sie arbeitete als Print und TV-Redakteurin, Unternehmenssprecherin und Marketing-Leiterin an der deutschen Botschaft in London. Seit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise richtet sich ihr Fokus auf die Disruption politischer, institutioneller und sozialer Werte. Sie organisierte mit der Economist Group eine globale Kampagne zur Verbesserung der Finanzindustrie. Ihr erstes Sachbuch über erfolgreiche Krisenbewältigungen erschien im Herbst 2016 bei dtv. Ein Yale-Kurs mit Obamas Finanzminister Timothy Geithner zur Globalen Finanzkrise inspirierte sie zu dem o.g. Roman.

 

Citation Information:
Barden, Sibylle (2020): Gewinner und Verlierer nach Covid-19. Teil V: Stakeholder-Kapitalismus. In: DESIGNABILITIES Design Research Journal, (5) 2020. https://tinyurl.com/y72nmhcd
ISSN 2511-6274

 

 

.

 

.

 

About designabilities

DESIGNABILITIES is an open-access journal established since 2009, managed and edited by.... https://designabilities.wordpress.com/team/
This entry was posted in Politik, sustainability and social innovation and tagged , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s