»Sein eigener Designer sein«. Wie Mike als Behinderter seinen Alltag gestaltet.

von Noëmi Burkhalter

Sich im Alltag frei bewegen zu können, alles selbständig zu erledigen und zu unternehmen, was man möchte, ist für viele von uns eine Selbstverständlichkeit. Doch was geschieht, wenn durch eine unheilbare Krankheit alltägliche Handlungen zu einer grossen Herausforderung werden? In solchen, oft schwierigen Situationen entstehen bisweilen neue Ideen. Sobald essentielle Dinge fehlen, finden wir neue Lösungen.

Berge aus Plastikbechern, lange Strohalme die aus Trinkgefässen herausragen, Schnüre, die von der Decke hängen und Türen, die sich selbständig öffnen. Auf den ersten Blick scheint uns die Wohnumgebung vertraut, aber beim zweiten Hinschauen fallen Dinge auf, die Fragen aufwerfen und Neugier wecken. Wer wohnt hier? Weshalb sieht es hier so aus? Wo liegen die Unterschiede?

Wir befinden uns vor der Haustür meines Freundes Mike. Ich klingle, die Überwachungskamera erfasst mich und die Tür öffnet sich nach wenigen Minuten automatisch. Mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht rollt mir Mike in seinem elektronischen Rollstuhl entgegen. Der Flaschenzug, welcher am Rollstuhl sowie an seiner rechten Hand befestigt ist, ermöglicht ihm, mir die Hand leicht zu drücken.

Mike ist 52 Jahre alt und hat seit Geburt eine Muskelschwundkrankheit, die sich spinale Muskelatrophie nennt. Sein körperlicher Zustand verschlechtert sich zunehmend. Ursprünglich hat man ihm eine Lebenserwartung von knapp 20 Jahren zugesprochen. Für Mike sind viele für uns alltägliche Dinge eine grosse Herausforderung. Dank seiner Lebensfreude und seinem unermüdlichen Willen hat sich Mike immer selber zu helfen gewusst. Und hat so Möglichkeiten und Lösungen gefunden, wie er diese Hindernisse tagtäglich überwinden kann.

Alltagsimprovisation als Indikator einer unzureichend
gestalteten, ausgrenzenden Umwelt.

Somit hat er diverse Hilfsmittel entwickelt und gestaltet, die seinen Lebensalltag bereichern. Zum einen hat Mike herkömmliche Alltagsgegenstände für seinen Nutzen umgestaltet und zum anderen hat er neue Tools entwickelt, die ihm Bewegungsabläufe und Handlungen ermöglichen. Hierbei handelt es sich beispielsweise um eine Haarbürste, deren Griff auf Grund ihres Gewichtes abgesägt wurde. Das Kopfstück ist mit Hilfe von Kabelbindern an einem feinen, langen Holzstab fixiert. Dank dieser Umwandlung kann Mike sich die Haare nach wie vor selber bürsten. Es sind viele solcher kleinen Abänderungen oder Veränderungen notwendig, damit eine behinderte Person gewisse Handlungen trotzdem ausführen kann.

Fehlt einem die motorische Fähigkeit, dass man die Hand kaum zur Schulter führen kann, ist das Abtupfen der Mundwinkel ein Ding der Unmöglichkeit. Mike, der Erfinder, hat aber auch für dies eine Lösung gefunden. Am Ende eines langen Holzstabes befindet sich ein Schwamm. Mit Hilfe von zwei Wäscheklammern wird eine Serviette über den Schwamm gespannt. Diese kann jederzeit problemlos gewechselt werden.

Zudem entwirft er auf seinem 3D-Zeichnungsprogramm unterschiedliche Ideen. Manche davon druckt er anschliessend auf seinem 3D-Drucker aus. So auch sein Verschiebewerkzeug. Dieses kleine Tool, welches ebenfalls an einem Holzstab befestigt ist, braucht er, um seine Brille zu verschieben oder um einen Gegenstand von der anderen Tischseite heran zu ziehen. Auf den ersten Blick ist meistens nicht ersichtlich, für welche Tätigkeiten seine Hilfsmittel eingesetzt werden können, da sie oft auch mehrere Funktionen besitzen.

Viele Hersteller legen beim Gestalten ihrer Produkte grossen Wert auf die Ergonomie. Beispielsweise ist es wichtig, dass eine Fernbedienung gut in der Hand liegt. Um dies zu erreichen, ist die Form konkav und die Kanten sind stark abgerundet. Liegt das Kästchen nun aber auf dem Tisch und Mike möchte es mit einem Finger bedienen, ist das unmöglich. Denn sobald er auf einer Seite Druck ausübt, kippt das Kästchen um. Auch in diesem Fall musste Mike kreativ werden und konnte das Problem lösen.

Mike wurde durch seine schwere Krankheit und die damit verbundenen Einschränkungen, die sich häufig erst aus einer für ihn unzureichend gestalteten Alltagsumgebung ergeben, zu seinem eigenen Designer. Probleme im Alltag gibt es viele. Er analysiert diese und findet Lösungen.

Was zeigt das Vorgehen von Mike für uns Designer auf? Wir müssen Menschen in ihren gewohnten und ungewohnten Umgebungen präzise beobachten. Dabei müssen wir uns auch darüber bewusst sein, dass sie die Experten sind. Nicht wir. Gemeinsam lassen sich Schwierigkeiten besser erkennen, wodurch zweckmässige und neuartige Lösungen erst möglich werden. Prototypen aus herkömmlichen Materialien und umfunktionierten Alltagsgegenständen, deren Nutzen sofort getestet werden kann, können ein wichtiger Bestandteil sein, um in entsprechenden Fortentwicklungsschritten ein geeignetes Hilfsmittel zu gestalten.

Das Spannende bei der Beobachtung von Mike sind vor allem dessen Alltagsimprovisationen. Dinge, die es schon gibt, werden durch ihn zweckentfremdet, damit er andere Dinge, die es für ihn noch nicht gibt, erreichen kann. Margrit Schild und Tom Bieling beschreiben das Phänomen der Alltagsimprovisation wie folgt: „Das Prinzip Improvisation erlaubt nicht zuletzt ein Infragestellen womöglich antiquierter Vorstellungen von Gestaltungshoheit. Deutlich wird dies am Beispiel des „Non Intentional Designs“ (NID) mit dem Uta Brandes und Michael Erlhoff die alltägliche (unprofessionelle) Umgestaltung des (professionell) Gestalteten bezeichnen (Brandes et al. 2019). Wir alle kennen und machen das: Dinge umnutzen oder zweckentfremden und sie dadurch entgegen ihrer ursprünglichen Gestaltungsintention unseren akuten Bedürfnissen anpassen. Bei aller Kompetenz professioneller Designer verwirklicht sich Design demzufolge tatsächlich erst im Gebrauch. Hierdurch käme dem Rezipienten eine weitaus weniger passive Rolle zu, als so häufig angenommen. Sind nicht letztlich auch all die partizipativen Forschungs- und Gestaltungsansätze der letzten Jahre eben Ausdruck genau dessen? Nämlich dem Versuch, das normative Machtverhältnis von Gestalter und Nutzer/Rezipienten aufzubrechen?“ (Schild/Bieling 2017).

Designerinnen und Designer schaffen Möglichkeiten, gesellschaftliche Prozesse zu beeinflussen und zu gestalten. Dabei tragen sie eine große Verantwortung. So soll die Gesellschaft nicht nur in gestalterischen Prozessen, sondern auch im politischen Geschehen mitwirken können.

Noëmi Burkhalter, März 2020

 

 

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BIBLIOGRAFIE

Brandes, Uta / Stich, Sonja / Wender, Miriam (2009): Design by Use: The Everyday Metamorphosis of Things. Board of International Research in Design, Birkhäuser, Basel. 

Schild, Margit / Bieling, Tom (2017): Vom Provisorium zur Improvisation. In: DESIGNABILITIES Design Research Journal, (10) 2017. https://tinyurl.com/y2mstt29 ISSN 2511-6274

 


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Noëmi Burkhalter studiert Produkt- und Industriedesign an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel. Sie arbeitet neben ihrem Studium als Assistentin für zwei körperlich behinderte Männer. Sie hat Mike für eine Semesterarbeit im Fach Fotografie dabei beobachtet, welche Hilfsmittel er entwickelt hat, die seinen Alltag vereinfachen.

 

Citation Information:
Burkhalter, Noëmi (2020): »Sein eigener Designer sein« – Wie Mike als Behinderter seinen Alltag gestaltet. In: DESIGNABILITIES Design Research Journal, (3) 2020. https://tinyurl.com/qs5blcn ISSN 2511-6274

 

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2 Responses to »Sein eigener Designer sein«. Wie Mike als Behinderter seinen Alltag gestaltet.

  1. Froehlich says:

    Mit diesem Artikel ist mir das Non Intentional Design zusätzlich verdeutlicht worden.

  2. designabilities says:

    Das freut uns! Brandes und Erlhoff haben diesbezüglich einen hervorragenden Grundstein gelegt. Schön zu sehen, wie die Auseinandersetzung damit auch von nachfolgenden Design-/Forschungsgenerationen fortgesetzt wird.

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