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von Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter.

Das erste Mal überhaupt wage ich mich an einen persönlichen Text. Zwar stehe ich der Wissenschaftlichkeit durch Fußnoten seit jeher skeptisch gegenüber und betrachte Zitate als Feigheit vor der eigenen Aussage, aber dieser Essay ist nicht mehr und nicht weniger als ein Selbstversuch. Meine Geschichte, meine Sozialisierung konfrontiere ich mit dem bislang viel zu abstrakten Ideal der Nachhaltigkeit. Am Ende wird es aber wieder ein Manifest werden.

An der tschechischen Grenze, zwischen Budweis und Linz bin ich aufgewachsen. 1974, als der kalte Krieg jene Landstriche, die sich nahe dem Stacheldraht befanden, in unwirtschaftliche Biotope fernab jeglichen Fortschrittglaubens verwandelte, wurde ich dort in einer uralten, aber sehr kleinen Festungsstadt geboren. Die Abgeschiedenheit, verursacht durch die unerträgliche Trennung Europas, trieb dem mittelalterlichen Freistadt, so heißt mein Geburtsort, jeglichen historischen Charme aus. Die Gegend hatte sich gezwungenermaßen als Randlage eingerichtet. Und auch wenn Österreich das Östlichste des Westens war (und ist), trieb recht Viel an uns vorbei. Es war, als würde die Donau die Welt gemächlich vorbeifließen lassen.

Am Rande des eisernen Vorhangs, also bei uns, gab es nicht einmal deutsche Touristen. Fremde kannten wir nur als Gästezimmernachbarn in alpinen Privatpensionen vor oder nach dem Schifahren. Manchmal teilten wir den Tischmistkübel. Dass diese Fremden ähnliche KleinbürgerInnen waren wie wir, die bloß eine ziemlich gleich klingende Sprache hatten, fiel uns in unserer Überraschung über die simple Existenz dieser deutschen Anderen gar nicht auf. Noch fremder als Deutsch war zwar irgendwie vorstellbar, aber reden wollten wir mit den NiederländerInnen oder SchwedInnen nicht. Die Welt war uns zu weit. Jahre nach meiner Kindheit, als Sonja und ich nach Japan zogen, um dort zu arbeiten, fragte mich meine heißgeliebte Oma, ob wir dorthin mit dem Auto führen. Bis heute hat sie nicht verkraftet, dass ich nach Wien gezogen bin.

Während die kapitalistische Welt unter Magaret Thatcher, Ronald Reagan und Helmut Schmidt immer siegreicher herum stapfte, lungerte meine Heimat gemächlich zwischen den Ideologien herum. Zwar hatten die KleinbürgerInnen und BäuerInnen meiner gemütlichen Kindheitsländlichkeit einen gepflegten Hass auf jegliches Sozialistische entwickelt, doch wusste niemand so recht, was denn das Linke oder das Rechte wirklich sei. Der Liberalismus, ob gesellschaftlich oder wirtschaftlich interpretiert ignorierte meinen heimatlichen Böhmerwald und, so vermute ich, viel vom anderen Österreich auch.

Fernab jeder ideologischen Debatte, regierten allerdings zwei kulturelle Parameter meine Kindheit und sie beeinflussen mich bis heute: Konsum und Technik. Meine Familie und ihr gesamtes Umfeld waren besessen vom Kauf und Besitz unzähliger Dinge. Mannigfaltigste Argumente wurden ge- oder erfunden um ein Objekt praktikabel oder schön erscheinen zu lassen. Grundsätzlich konnte frau*man Alles irgendwie brauchen. Oder es, also das begehrte Ding, war gerade billig oder stromsparend oder Beides. Vorsichtshalber kaufte frau*man schnell mal ein. Übrigens verstehe ich, ebenso wenig wie der so intellektuelle Kabarettist Hosea Rathschiler, wie ein Elektrogerät stromsparend sein kann, während es gleichzeitig Strom verbraucht.

Wir hatten richtig viele Produkte zu Hause. Mobile Kartenleselampen für das Auto, die man am Zigarettenanzünder anstecken konnte, um sich während langer Autofahrten durch europäische Nächte orientieren zu können gehörten genauso dazu, wie eine aufblasbare Badeinsel, ein bombastischer Rasenmäher und natürlich jedes denkbare Werkzeug für Küche, Haus und Garten. Im Gegensatz zum „echten“ Bürgertum besaß meine Familie zwar kein Erbgeschirr, keine Jagdgewehre, keine sortenreinen Weingläser und schon gar keine Kunst, aber jede Verrichtung verlangte nach einem eigenen Gerät. Insofern wurde ich von frühester Kindheit an mit der paradiesischen Konsumwelt des Produktdesigns konfrontiert. Konsum folgt Funktion oder umgekehrt. Brauchen kann frau*man Alles wollen. Bis heute erliege ich allzu oft der Versuchung, Dinge als brauchbar oder begehrenswert zu empfinden. Meine Eitelkeit, mein Faible für Schuhe, meinen Hang zu teurem Wein erkläre ich übrigens meinem Umfeld und mir selbst ziemlich plausibel also besserwisserisch mit meinem angeblich guten Geschmack, der wiederum all den Konsum dringend erfordert.

Nicht weniger ausgeprägt war und ist der Hang zu faszinierender Technik. Meine Kindheit war dominiert vom Gedanken, dass Technologie die Welt in eine Bessere verwandelt. Jede Art von Maschine verblüfft. Sie lässt die Gottgleichheit des Menschen erahnen. Als Bub ließ mich die Begeisterung für Energie, Bewegung und Lautstärke meinem Vater näher sein. Die Kontrolle der Kraft ist ein Sinnbild aller Maskulinität. Lenkrad, Kreissäge, Kraftwerk und natürlich Flugzeug waren (und sind) Objekte, die Begeisterung auslösen. Noch heute drehe ich mich reflexhaft um, wenn ein Ferrari vorbeifährt, wenngleich ich nie auf die Idee kommen würde, ein solches Auto haben zu wollen. Immer noch blicke ich mit einer schaurigen Faszination Kampfflugzeugen hinterher, auch wenn mir deren grauenhafter Zweck allzu bewusst ist. Ich bin begeistert von Magnetschwebebahnen und selbst der Airbus 380 löst das Bedürfnis in mir aus, ihn zumindest ein einziges Mal zu betreten. Dabei bin ich gar kein „echter“ Freak. Digitale Werkzeuge wie Smartphones oder Tablets öden mich ebenso an wie hochauslösende Beamer oder zimmerhohe Lautsprecher. Lieber kaufe ich mir etwas zum Anziehen, aber die Faszination der Technik beschwert mich.

Es zwickt irgendwie, wenn ich dem Sportwagen hinterher blicke und über Nachhaltigkeit schreibe. Es irritiert, wenn ich lustvoll in ein Flugzeug steige, um am Ziel eine eat design Performance mit Schwerpunkt Ökologie hinzulegen. Und dabei habe ich mein drittes Problem noch gar nicht erwähnt: Als Kleinbürger, als Landei, als Emporkömmling bin ich mit einem Minderwertigkeitskomplex gesegnet. Kulturell hatte ich Einiges aufzuholen, als ich in Wien mein Studium begann. Besser Gestellte machten selten einen Hehl daraus, dass sie mir bei Bildung und Habitus Manches voraushätten. Deshalb wollte ich immer Stararchitekt werden, Paläste bauen und hofiert werden. Deshalb trage ich den wohlangezogenen Designer stilecht an mir herum und präsentiere ihn der Welt.

Ich hasse selbsternannte Autoritäten. Ich verabscheue sie und akzeptierte sie nicht, aber ich tendiere auch dazu, besser zu sein zu wollen als sie. Mein Ziel ist der bessere Geschmack, die bessere Bildung und letztlich auch die Gestaltung von Produkten, deren Stilsicherheit den Geschmack der alten Eliten in den Schatten stellt. Darum kann ich mich von klassischen Designideen und deren Ästhetiken nicht lösen. Ich finde teure, in China produzierte Möbel schön. Mir gefallen schwarze, in Bangladesch geschneiderte Sakkos mit wohlklingenden Etiketten. Manchmal aber dafür richtig gern, besuche ich dekorierte Restaurants. Ich demonstriere guten Geschmack und ich verwende denselben, sobald ich selbst gestalte. Mein Wahn den hierarchisch höher Gestellten überlegen zu sein lässt mich aber zu Mitteln und Gestaltungswegen greifen, die die ihren sind. Die Absurdität dieses Ichs ist mir völlig bewusst. Es ist sehr schwer, dem ehrlich entgegen zu halten. Noch schwerer ist es für mich, eine Ästhetik abseits des elitären, kapitalistischen Mainstreams zu entwickeln.

Im Gegensatz zu Friedrich von Borries, den ich schätze wie kaum jemanden sonst, glaube ich durch und durch daran, dass sowohl die Gestaltung der Ästhetik als auch jene des Objekts ein Schlüssel zur Entwicklung nachhaltigen Designs sind. Design ist nicht am Ende. Produkte sind nicht tot. Menschen definieren sich durch Objekte und Rituale, die wiederum in ganz vielen Fällen Artefakte verlangen. Wir als DesignerInnen dürfen uns nicht dem schaurig schmackhaften Gedanken hingeben, dass wir ab jetzt nicht mehr gestalten oder nur noch Prozesse moderieren. Gerade unsere Aufgabe ist es, der Apokalypse gestaltend entgegen zu treten, denn für mich ist, wegen meiner Geschichte klar, dass ich einen neuen, einen anderen kulturellen Narrativ für mich und für meine RezipientInnen erschaffen muss, den ich zu Allererst selbst geil finde. Nachhaltiges Design müsste mich abgrundtief betören.

Tief in mir weiß ich, dass das möglich ist. Aber ich kenne auch die Hürden. Das größte Problem bin ich selbst. Meine kulturellen Korsette, meine Fetische, meine Komplexe hindern mich nachhaltig daran, nachhaltiges Design zu entwickeln. Mittlerweile bin ich 45 Jahre alt. Damit bin ich zu jung, um aufzugeben und zu alt, um ein ungestümer Designlümmel zu sein. Ich will. Ich muss. Ich werde kämpfen. Dennoch bitte ich hiermit auch um Hilfe. Zwar habe ich mit der absolut genialen Sonja Stummerer die beste aller möglichen PartnerInnen, aber wir benötigen MitstreiterInnen. Wir wollen Diskurs, Konfrontation, Wille, denn DesignerInnen sind die SuperheldInnen der Nachhaltigkeit. Das Objekt ist das Subjekt des Kapitalismus. Das Ding ist der Hebel zur Veränderung. Wer also gestaltet die Gestaltung. Stand up and fight!

Im Übrigen hatte ich eine ziemlich geile Kindheit.


Sonja Stummerer & Martin Hablesreiter
, November 2019

 

 

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Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter gründeten 2003 das interdisziplinäre Atelier honey & bunny in Wien. Sie entwickelten und bauten mehrere Dachausbauten, Geschäfte und Wohnungen, führten Regie bei „food design – der Film“, kreierten unter anderem die Ausstellungen „food design“ für das Designforum MQ in Wien, „food | design | humanity“ in Lodz in Polen und „eat | body | design“ in Zürich. Ihre Installation „EAT DESIGN“ ist Bestandteil der permanenten Sammlung des Wiener Museums für Angewandte Kunst. Honey & bunny nahmen als Designer und Eat Art Künstler an zahlreichen internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen teil. Sie stellten unter anderem im Palazzo Triennale in Mailand, im Londoner Victoria & Albert Museum, im Wiener Museum für Angewandte Kunst, im Museum August Kestner in Hannover und im Museo della Scienza in Mailand aus. Performativ waren Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter unter anderem für die Paris Design Week, im Republic Salzburg, im Superstudio Mailand, im Angewandten Innovation Laboratory und in Amsterdams Stadshowburg tätig. 2005 publizierten Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter das Buch „food design – von der Funktion zum Genuss“ (Springer Wien / NY), 2009 „food design XL“ (Springer Wien / NY) und 2013 „eat design“ (metroverlag Wien). Stummerer und Hablesreiter hielten zahlreiche Vorträge, hatten Gastprofessuren in Bukarest RU, Istanbul TU, Chennai IN, Zlin CZ und Wroclav PL und sie lehren an der New Design University in St. Pölten, der Austrian Marketing University of Applied Sciences, der Universität Salzburg und an der Johannes Kepler Universität Linz.

 

 


Citation Information:
Stummerer, Sonja & Hablesreiter, Martin (2019): produkt | NACHHALTIG | design In:
DESIGNABILITIES Design Research Journal, (11) 2019. https://tinyurl.com/r5wdnuk ISSN 2511-6274

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