Wie Wien wirklich zur lebenswertesten Stadt der Welt werden kann

von Chiara Welter

Wien gilt als die lebenswerteste Stadt der Welt und das nicht zu Unrecht. Aber bei genauerer Betrachtung scheint es, als sei diese begrüßenswerte Entwicklung ganz explizit auf Kosten bestimmter Gruppen geschehen, die aus der Stadtgesellschaft ausgeschlossen und in der Stadtplanung systematisch vergessen werden. Die hier thematisierten Gruppen werden von der Stadt Wien häufig als “marginalisierte Gruppen” bezeichnet und zu ihnen zählen unter anderem “Wohnungslose und Menschen mit viel Tagesfreizeit”[1]. Insgesamt scheint der Sammelbegriff der „marginalisierten Gruppen“ auf ganz unterschiedliche Akteur*innen übertragen zu werden, die von der Normalbevölkerung in einer jeweiligen Situation oder an einem bestimmten Ort als störend empfunden werden.

Besonders eklatant ist hier die Lage Obdachloser im öffentlichen Raum. Diese werden zwar in den zahlreichen Veröffentlichungen der Stadt Wien zur Stadtgestaltung und Planung des öffentlichen Raums an einigen Stellen erwähnt, aber ein Blick in den öffentlichen Raum zeigt, dass jene theoretische Auseinandersetzung in der Praxis keine Umsetzung findet. So werden Obdachlose in Parks und auf Plätzen zwar wahrgenommen, aber in den Entschei-dungsprozessen zur Stadtplanung weder involviert noch berücksichtigt. Mehr noch, in immer mehr Fällen wird konkret gegen Obdachlose vorgegangen. Sie scheinen nicht als Teil der Bevölkerung zu gelten und ihnen wird das Recht abgesprochen, die Stadt und damit den öffentlichen Raum in irgendeiner Weise zu bewohnen. Was hier nicht vergessen werden darf, ist, dass obdachlosen Menschen der öffentliche Raum meist als einziger Aufenthalts- und Wohnort bleibt. Dennoch werden sie für die Errichtung weiterer Einkaufsstraßen und Konsummeilen aus dem Zentrum verdrängt. Ein Beispiel hierfür ist die Umgestaltung der Mariahilfer Straße, die als partizipatives Projekt die Interessen der Bewohner*innen Wiens miteinbezog. Aber da Obdachlose wohl nicht als legitimer Teil der Stadtgesellschaft zählen, wurden sie kurzerhand zu Störfaktoren ernannt, die den Trubel der Geschäfte stören und so von der Polizei weggeschickt werden müssen. Auch Parks und Erholungsgebiete scheinen mehr und mehr alleinig für die Freizeitgestaltung derer geplant zu werden, die am wenigsten auf jene Grünflächen angewiesen wären. Ganz allgemein wird eine Politik erkenntlich, die in ihrer Stadtplanung die Interessen der Gruppen verfolgt, die Geld in die Stadt bringen – seien es die zugezogenen Gutverdiener*innen und qualifizierten Arbeitskräfte, die Investor*innen oder Ladenbesitzer*innen. Dabei sollten wir bei aller wirtschaftlicher Stärke, die hierdurch befördert wird, nicht aus dem Blick verlieren, dass eine ökonomisch reiche Stadt nicht automatisch eine lebenswerte ist.

Auch als Sicherheitsstrategien verpackt, gewinnen jene genannten Verdrängungstendenzen gegenüber Obdachlosen nicht an Legitimität. Letztendlich wird mit jeder Kontrolle und jeder Kamera im Namen einer abstrakten Sicherheit der öffentliche Raum für alle weniger öffentlich, weniger partizipativ, kann von seinen Bewohner*innen und Besucher*innen weniger angeeignet werden. Konkret gesprochen: wenn die Bänke am Praterstern abmontiert sind, kann niemand mehr darauf sitzen. Wieso ist unser Wohlempfinden auf der Straße oder im Park und wieso sind die wirtschaftlichen Interessen der Investor*innen relevanter als die existenziellen Nöte der wirtschaftlich und sozial Schwächsten unserer Gesellschaft? Es stellt sich ganz generell die Frage, inwiefern die Anwesenheit obdachloser Menschen die Sicherheit anderer gefährden sollte. Oft ist auch die Rede von einer gefühlten Gefährdung, aber hier wird nur noch fragwürdiger, warum diese Stereotype und Vorurteile nun Politik und letztlich auch raumplanerische und architektonische Praxis machen.

Selbstverständlich gab es noch nie einen öffentlichen Raum ohne Benachteiligte und eine Stadt war noch nie für alle in gleichem Maße zugänglich. Auch ist klar, dass sich der öffentliche Raum ganz explizit durch seine Akteur*innen ebenso wie die hiervon Ausgeschlossenen definiert. Es verhält sich nun in Wien aber so, dass das “Sichtbare unsichtbar gemacht”[2] werden soll, dass Obdachlose aus dem Stadtbild verdrängt werden, damit jenes Bild für die übrigen Bewohner*innen besser wirkt. Nach welchen Kriterien entscheidet die Stadt Wien, wenn es um den öffentlichen Raum geht? Es wirkt, also ob es sich hier, so Reinprecht, um einen spezifischen Bezugsrahmen handele, um einen „Konnex von Ökonomie, Stadtpolitik, Wettbewerb und einer Sozialpolitik, die dieses Lebensqualitätsmodell auf Hochglanzpapier transportieren möchte“.

Selbstverständlich empfinden es Teile der Bevölkerung als störend, wenn in ihrem Park unerwünschte Personen sitzen. Jedoch wird hier letztendlich keine Frage der Sicherheit angesprochen. Vielmehr liegt der Grund darin, dass solche und ähnliche Konfrontationen im öffentlichen Raum der Mehrheit vor Augen führen, dass Prekarität auch in Wien existiert und dass die hier vorliegende extreme Armut sich nicht individualisieren lässt. Das Phänomen der Obdachlosigkeit ist keine Folge von fehlender Leistung einzelner Personen und kann durch individuelle Motivation nicht einfach hinter sich gelassen werden. Letztendlich ist uns allen klar, dass Obdachlose keine Wahl haben, dass sie sich ihr Schicksal in dieser Form nicht ausgesucht haben und auf den öffentlichen Raum angewiesen sind wie kaum eine andere Gruppe in unserer Stadt. Oder könnten Sie bei Ihrer nächsten Begegnung mit einem obdachlosen Menschen den Vorwurf erheben, er oder sie sei selbst schuld oder solle sich doch zumindest wieder selbstverantwortlich aus der Unglückssituation holen?

Nur würden wir anerkennen, dass jene „marginalisierten Gruppen“ nicht die alleinige Verantwortung für ihre Situation tragen, so müssten wir unsere eigene Verantwortlichkeit erkennen und uns eingestehen, dass unser Handeln die anderen Akteur*innen in der Stadt sehr konkret beeinflusst. Jede luxussanierte Wohnung nimmt anderen Gruppen bezahlbaren Wohnraum.

Es war die Rede davon, dass die Stadt Wien die Ziele für die Lebensqualität ihrer Bewohner*innen auf Kosten einzelner Gruppen verfolge. Aber vielmehr scheint in den betrachteten Fällen schlicht Ignoranz vorzuliegen, denn Lebensqualität ist keine Frage von Verteilung und Kapital. Hier muss nirgends etwas weggenommen werden, damit es an anderer Stelle mehr werden kann. Teilhabe wird nicht weniger, wenn man sie teilt.

Es soll nicht behauptet werden, es gäbe nicht eine Vielzahl an erfolgreichen Projekten, die benachteiligte Gruppen als solche identifizieren, unterstützen und ihre Position im öffentlichen Raum stärken. Die Stadt Wien ist keine abstrakte und bösartige Institution, sondern repräsentiert auch verschiedene Positionen, die sich darum bemühen, die Stadt zu einer besseren zu machen. Es wird versucht, die Lebenssituation möglichst Vieler zu verbessern, aber dies ändert nichts an dem Zustand, dass für die Bequemlichkeit, die Wohlfühlatmosphäre oder den Gewinn dieser Vielen andere Teile der Stadtgesellschaft explizit ignoriert und verdrängt werden. Eben in solchen Fällen bergen partizipative Projekte und die hiermit verbundenen demokratischen Entscheidungen auch das negative Potenzial, die Positionen der Minderheiten und ohnehin schon Benachteiligten der Gesellschaft unter den Tisch fallen zu lassen. Hierfür gilt es, ein Bewusstsein zu schaffen und sich mit anderen Möglichkeiten der Entscheidungsfindung für den öffentlichen Raum zu beschäftigen.

Wir müssen ehrlich zu uns sein: Wien ist noch nicht die lebenswerteste Stadt, die sie sein könnte. Vorher müssen obdachlose Menschen aus der Unsichtbarkeit geholt werden – auch wenn es für andere unbequem ist. Wien braucht tatsächlichen öffentlichen Raum und keine weitere privatisierte Konsumzone. Wien ist an manchen Orten und für manche Personengruppen deutlich weniger lebenswert. Um hier anzusetzen benötigt es den Willen, sich mit den Problemen Anderer zu konfrontieren, Problemen derer, die kaum sichtbar sind und selten gehört werden. Eine lebenswerte Stadt entsteht durch Offenheit, Akzeptanz und sicherlich auch viel Geduld. Aber wenn dieses Potential erkannt wird, wäre es auch möglich, dass Wien tatsächlich die lebenswerteste Stadt der Welt wird.


Chiara Welter
, August 2019

 

 

  >>> Artikel als PDF

 

 

[1] Stadt Wien (2011): Sozialraumanalyse zur Mariahilfer Straße, S. 26.

[2] So Christian Reinprecht in einem Interview für progess aus dem Jahr 2014.

 

Citation Information:
Welter, Chiara (2019): Wie Wien wirklich zur lebenswertesten Stadt der Welt werden kann. In: DESIGNABILITIES Design Research Journal, (08) 2019. https://tinyurl.com/yyqeryaa ISSN 2511-6274

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3 Responses to Wie Wien wirklich zur lebenswertesten Stadt der Welt werden kann

  1. Joerg Froehlich says:

    Habe als Wien-Fan mit großem Interesse auch diesen Artikel aus Designabilities gelesen.

    Wenn man die vielen ratlosen Touries allein vor den Ticketautomaten rumrätseln sieht, könnte man einige Obdachlose dort, aber auch an nicht wenigen anderen Stellen helfend einsetzen. Sie entsprechend einzukleiden und zu schulen müßte der “lebenswertesten Stadt der Welt” würdig und möglich sein. In Puncto Serviceleistung in diese Richtung gibt es noch reichlich Luft nach oben.

  2. Mario Donick says:

    Danke für den interessanten Einblick.

    Es ist ja bereits der Begriff. Indem man eine Stadt als “lebenswertESTE” sieht, betont man bereits Ab- und Ausgrenzung. Wenn man mit so einer Wettbewerbseinstellung Stadtplanung und Politik betreibt, wundert mich nicht, dass da auch nach innen Exklusion entsteht. Denn es gibt ja Parameter für den ‘Wettbewerb’, die sich auch aus dem Vergleich mit anderen Städten herleiten.

    An solchen Umfragen oder Zuschreibungen (wie durch die Zeitschrift “The Economist”, im Fall Wiens) und damit der Auswahl der ‘wettbewerbs’relevanten Parameter ist meist nur eine bestimmte Klientel beteiligt, wie die von Ihnen erwähnten “zugezogenen Gutverdiener*innen und qualifizierten Arbeitskräfte, die Investor*innen oder Ladenbesitzer*innen” (zu ergänzen sind vielleicht noch zwar schlecht verdienende, aber gut ausgebildete, junge Akademiker*innen, die Leute, die Andreas Reckwitz als neue Mittelklasse bezeichnet). Diese Menschen haben überhaupt erst die Möglichkeit, sich intensiver mit solchen Fragen auseinanderzusetzen… und vielleicht auch die Neigung, weniger priviligierte Menschen um sich herum auszublenden oder als Störung zu betrachten und wegzuwünschen, ob es nun Obdachlose, Flüchtlinge oder arbeitslose Menschen sind. Denn sie erinnern daran, wie gut es einem eigentlich geht.

    Wie Sie sagen, “eine lebenswerte Stadt entsteht durch Offenheit, Akzeptanz und sicherlich auch viel Geduld”. Da müsste man aber vermutlich erstmal ein Bewusstsein für schaffen.

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