Im Zweifel performative Stadtplanung

Buchbesprechung von Tom Bieling

Tagtäglich werden wir mit dieser schwankenden Ungewissheit konfrontiert, ob wir etwas glauben sollen oder es möglicherweise doch falsch ist. Wir zweifeln. Wir tun dies in unterschiedlichen Kontexten und Rollenfunktionen, etwa als Konsumenten oder als Produzenten, als User oder als Gestalter. Welche Lösung für ein Problem ist die richtige? Was überhaupt ist eigentlich das Problem? Stinken die Füße, müssen Socken mit Nanopartikeln her, die die geruchserzeugenden Bakterien vernichten. Doch beim Waschen der Socken werden die Nanopartikel ausgespült und gelangen über die Kanalisation in die Abwasserkläranlage der Stadt, wo sie die Bakterien töten, die dafür sorgen sollen, dass das Abwasser wieder sauber wird. Nicht stinkende Füße verursachen also stinkende Städte.

Probleme sind demnach grundsätzlich nur unter Entstehung neuer Probleme zu lösen. Zumindest aber lassen sie sich aus einer singulären Perspektive weder erschließen, noch beheben. Horst Rittel prägte hierfür einst den Begriff der „wicked Problems“, mit dem er die unüberblickbare Zahl an sich gegenseitig bedingenden Faktoren beschreibt, die jeden Planungs- und Entwurfsprozess erschweren. Objektive, endgültige Antworten sind in diesem Dickicht unmöglich, weshalb es auch keine Lösungen geben kann.

Wenn es also einen Dauerzustand in unserem Leben (nicht nur als Produzenten oder Konsumenten) gibt, dann wohl den des Zweifelns. Die permanente Unentschiedenheit zwischen mehreren, möglichen Annahmen, Vermutungen, Behauptungen und Entscheidungen.

Manchmal – oft genug – geschieht zudem Unerwartetes. Dann müssen wir reagieren, mitunter entgegen unseren ursprünglichen Planungskonzepten: wir improvisieren. Der Kulturtechnik des Im-Provisorischen – verstanden als konstruktiver Umgang mit Unordnung – könnte in Zeiten des Umbruchs, der Ungewissheit und Neuordnung eine neue Bedeutung zukommen. Etwa im Sinne Christopher Dells, der den Begriff der Improvisation als Ausbesserung, sondern als grundsätzliches Prinzip des Schaffens von und Orientierens in transformatorischen Seinsformen verstanden wissen will.

Im Bereich der Stadtplanung – dem Kerninteressensgebiet des „Indie-Urbanisten“ Ton Matton – ist dies von besonderer Bedeutung, denn wie Rem Koolhaas formuliert, besteht die Ideologie des Urbanismus darin, das Bestehende zu akzeptieren. Was aber, wenn man die Ansicht vertritt, dass das Bestehende nicht zwangsläufig die bestmögliche Variante darstellt? Nicht die wahrscheinliche Zukunft ist schließlich das Arbeitsfeld eines Designers, sondern die erwünschte Zukunft. Dies beinhaltet allem voran, über das Wohl der Städte nachzudenken, um daraus Strategien zu entwickeln, wie sich Orte lebendig machen lassen und wie ihre Bewohner sich über die Rolle als Konsumenten ihres eigenen Lebens hinaus emanzipieren können. Primäres Ziel der Stadtplanung sollte hierzu nicht die Gestaltung von Häusern und Straßen sein. Denn auch wenn es Momente im Prozess der Stadtplanung geben mag, in denen man über die Farbe des Straßenbelags oder die Positionierung der Laternenpfähle nachdenken muss, so sind es in erster Linie die Menschen und ihre Vorstellungen von Zusammenleben, die eine Gemeinschaft ausmachen, nicht die Häuser. Wenig spricht wohl dagegen, dies somit auch primär zu adressieren, was streckenweise gleichwohl einen Sinneswandel auf mehreren Seiten voraussetzt: „Dazu muss man Stadtplanung in unserer kapitalistischen Gesellschaft neu definieren; nicht die Erzielung maximaler Gewinne, sondern die Schaffung von Freiheiten für die Bewohner sollte das Ziel sein. Planen sollte eher Nicht-Planen sein. Die Straße braucht zunächst einmal Raum für das Umdenken, für Improvisation, sodass alle Akteure ein Gespür für die Umgebung, deren Schwächen und Möglichkeiten entwickeln können.“ (Matton)

Das bedeutet nicht nur eingefahrene Vorstellungen über Bord zu werfen, sondern auch den Wahrheitsbegriff an sich in Frage zu stellen. Ein Prinzip des postmodernen Denkens, das Matton auch seinen Vorträgen zu Grunde legt: „Genauso wichtig wie das, was der Vortragende erzählt, ist, was der Zuhörer daraus versteht“. Ein Vortrag muss somit nicht zwangsläufig wahr sein – die Wahrheit gibt es ja nicht –, und was der Zuhörer draus mitnimmt, muss nicht unweigerlich mit der Intention des Vortragenden konform gehen.

Zweifel und Ungewissheit sind somit auch hier allgegenwärtig und fungieren als sendender und empfangender Mittler im Gestaltungsprozess zwischen Gegenwart und Zukunft. Grund zur Resignation also? Mitnichten! In seinem jüngsten Buch „Zweifel – Performative Stadtplanung in 13 Vorträgen“ hebt Ton Matton die positiven Aspekte im Umgang mit Ungewissheiten hervor. Und mehr noch: Er unterbreitet Strategien zur absichtlichen, d. h. bewusst evozierten Problemschaffung als Werkzeug der Gestaltung.

Momente der Unbestimmtheit und Unsicherheit, der Fraglichkeit und Unschlüssigkeit, des Zwiespalts und der Obskurität lassen sich von vornherein mit in die Exploration und Planung mit einpflanzen. Eine performative Stadtplanung als Improvisation im Modus 2, innerhalb derer das Experiment bewusst gesucht und das Unerwartete sich herausfordern lässt.

Irritation als Intervention – als Möglichkeit mit den risikobehafteten Herausforderungen unserer Zeit umzugehen? Klingt plausibel.

Zweifellos!

 

Tom Bieling, März 2019

 

 

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Ton Matton
Zweifel  Performative Stadtplanung in 13 Vorträgen
157 Seiten; 16,80 €, Jovis, 2019
ISBN 978-1-86859-553-6

 

 

Citation Information:
Bieling, Tom (2019): Im Zweifel performative Stadtplanung. Buchbesprechung.
In: DESIGNABILITIES Design Research Journal, (03) 2019. https://tinyurl.com/y63wljgg ISSN 2511-6274

 

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