Practice based Design Research

Buchbesprechung von Tom Bieling

Entwurfsbasierte Forschungsansätze werden in verschiedenen Gestaltungsdisziplinen seit einigen Jahren in zunehmendem Maße als Gegen- oder Ergänzungsmodell für bislang etablierte Bereiche und Vorgehensweisen der Grundlagenforschung diskutiert und entwickelt. Der Grundlagenforschung werden dabei zwar nach der wissenschaftlichen Methode korrekte, mitunter stark spezialisierte Ergebnisse attestiert, häufig jedoch kritisch angemerkt, dass diese für den gesellschaftlichen Diskurs wenig verständlich und somit unbrauchbar sind.

Entwurfsbasierte Forschungsansätze sind mitunter durch eine – mehr oder weniger – systematische Vorgehensweise charakterisiert, bei der das Entwerfen in der Praxis zugleich Ausgangspunkt und Gegenstand der Forschung sind. Forschungsbeiträge von entwurfsbasierten Ansätzen vermitteln sich dabei auf unterschiedlichen Ebenen: Zum einen auf der Ebene des Entwurfsresultates selber, indem Fragestellungen direkt anhand des Resultates sowie im Zuge dessen Entstehungsprozesses formuliert und beantwortet werden. Zum anderen auf der Ebene der theoretischen Erfassung der Entwurfsinhalte und dem Abgleich mit bereits existenten Theorien zu diesen Entwurfsinhalten.

Im Bereich der Designforschung bildet sich seit einigen Jahren das Modell “Research-through-Design” als entwurfsbasierter Forschungsansatz heraus, bei dem Gestaltungshandlungen als integraler Bestandteil von Erkenntnisprozessen fungieren. Hinsichtlich einer fortschreitenden Etablierung der Designforschung als eigenständige, selbstbewusste akademische Disziplin mit einem eigenen Kanon an Forschungsmethoden, stellt die Auseinandersetzung rund um die epistemische Dimension von Gestaltung ein ausschlaggebendes Element dar. Denn lassen sich die beiden anderen der so häufig als dreigliedrig beschriebenen Kategorien der Designforschung, nämlich „Research for Design“ und „Research about Design“ grundsätzlich auch aus anderen Disziplinen vollziehen, so wohnt dem „Research through Design“ etwas dem Design Eigenständiges inne.

Design kann dabei gleichermaßen (bisweilen gleichzeitig) als Forschungsgegenstand und als Medium wissenschaftlicher Erkenntnis fungieren. Gerade das von Alain Findeli beschriebene Modell einer projektgeleiteten Forschung („Project-grounded Research“) zeigt, wie Design seine eigene – eng an den Gestaltungsprozess und an dessen Resultate gekoppelte – Form der Erkenntnisgewinnung liefern und entwickeln kann. Nämlich, indem ein (praxis-orientiertes und gestalterisch praktiziertes) Designprojekt zum inhärenten Bestandteil, zum Kern und Knotenpunkt eines Forschungsprozesses wird. Eine solche Einbindung eines Design-Projektes in den Forschungsprozess kann dazu beitragen, situatives Wissen für, über und eben durch Design aufzuspüren und zugänglich zu machen.

Die entwurfsbasierten Forschungsergebnisse implizieren dabei zweierlei: Zum einen lassen sich Erkenntnisse über die Entwurfsmethodik selbst generieren. Zum anderen kann die prototypische Vorgehensweise als Entwurfsbasis zur Interpretation noch nicht vorhandender aber möglicher Lebenswelten, Zukünfte und diskutabler Alternativszenarien dienen. Wobei „prototypisch“ durchaus im doppelten Wortsinn verstanden werden kann, als zum einen im Sinne einer Verkörperung eines Leitbildes progressiver Verfahrensweisen, und zum anderen als Ausdruck von Forschungs- und Gestaltungsprozessen, bei denen sich (Fort-) Entwicklungsprozesse und solche der Wissensgenerierung vor allem anhand von Prototypen vollziehen.

In beiden Fällen geht es darum, aus dem Entwurfswissen heraus, Erkenntnisse abzuleiten, die aus den konkreten Entwurfsprozessen selbst sowie den daraus entwickelten Gestaltungsergebnissen resultieren. Die Ausformungen des Entwurfswissens können dabei vielschichtig dimensioniert sein, indem sie beispielsweise Wissen über das Entwerfen selbst beinhalten, und sich somit auf die Entwurfsmethodik, Entwurfsstrategien, thematische Ein- und Ausgrenzungen oder auch die Wahl und Beschaffenheit der Entwurfswerkzeuge beziehen kann.

Die Dimension der Erfahrung und Begreifbarkeit spielt dabei eine wesentliche Rolle, geht man davon aus, dass in den generierten, explorierten, analysierten Artefakten unterschiedliche Formen des Wissens eingeschrieben sind, die ihrerseits durch das Artefakt vermittelt werden, was zugegebenermaßen wiederum unterschiedliche Formen der Dechiffrierung erfordert.

Laurene Vaughans Sammelband ist bei weitem nicht das erste Buch, das sich mit dem Thema der praxisbasierten Designforschung beschäftigt, jedoch eines der ersten, das dabei einen speziellen Fokus auf Fragen der postgradualen Ausbildung richtet. Dieser vollzieht sich aus vier Perspektiven. Teil 1 „Socio-cultural impacts of the design PhD in practice” versammelt vorrangig Argumente für – im weitesten Sinne – soziale, kulturelle und praktische Implikationen von Design PhDs und ihr Potenzial, zukünftige Ausrichtungen sowohl der Akademie als auch der Industrie zu informieren. Hierzu werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Designer/Praktiker/Forscher*innen diskutiert (Vaughan), die Diskrepanz zwischen neuen Forschungs- und Wissensfeldern gegenüber dem Misstrauen und Nichtanerkennen durch sogenannte etablierte Disziplinen thematisiert (Zabolotney), die schließlich in einer Aufschlüsselung praxisbasierter Designforschung in drei Ebenen mündet: der disziplinarischen, der institutionellen und der paradigmatischen (Tonkinwise). Teil 2 beschäftigt sich mit der Exploration verschiedener Modelle und Ansätze, sowie damit verbundenen Herausforderungen unterschiedlicher PhD Programme. Dies bezieht sich etwa auf curriculare Fragen (Mainsah et al.), den Wissenstransfer (Dalton/Simmons/Triggs), Strategien der Didaktik für eine Designforschung als reflexive Praxis (Ehn/Ullmark) oder unterschiedliche Formen der Theoriebildung in der Forschung durch Design. In Bezug auf letztere identifiziert Thomas Markussen drei Wesensarten: Extending, Scaffolding und Blending Theories. Der dritte Teil („Structures for supporting PhD programmes“) widmet sich verschiedenen Initiativen, etwa zur Vermittlung methodischer Fragen (Binder/Brandt) oder auch dem oftmals leidigem Verhältnis von praktischer und schreibender Tätigkeit im Design (Morrison). Der vierte und längste Teil („Graduate reflections on the design PhD in practice“) liefert schließlich Einblicke in die alltäglichen Kniffligkeiten junger, entwurfsbasiert agierender Designforscher*innen. Hierbei verdeutlicht sich streckenweise erneut auch die thematische und methodische Bandbreite der Designforschung. Etwa wenn Katherine Moline über die kuratorische Praxis als generativen und kollaborativen Prozess des „Infrastructurings“ berichtet, Lisa Crocott den Begriff des Sense-Making seziert oder Joyce Yee die Schnittmengen und Querverlinkungen des „Researcherly Desigers“ und des „Designerley Researchers“ herausarbeitet. Gerade mit Blick auf die epistemische Dimension macht Yee dabei deutlich, wie stark beide – Designer und Forscher – voneinander profitieren können. Wie sehr also die Forschungspraxis durch die Design-perspektive informiert werden kann und umgekehrt.

Diese Art der perspektivischen Aufteilung gelingt zu weiten Teilen gut und griffig. Dass es sich bei einigen der Texte selbst um unfertige Zwischenblicke und Bestandsaufnahmen handelt, tut der Qualität dabei nur selten Abbruch. Gleichwohl – dies ist freilich auch der Herausgeberin bewusst – kann konstatiert werden, dass einige Blickwinkel leider unbeleuchtet bleiben. Gerade wenn der (Design-) Forschungsbegriff – innerhalb wie außerhalb der Disziplin – bis heute immer noch diffus wirkt, bleibt eine der zentralen Herausforderungen (nicht zuletzt mit Blick auf Forschungsförderungen) bestehen: Wer begutachtet die Qualität von Designforschung (Sozial- und Kulturwissenschaftler? Ingenieure?) und nach welchen Kriterien geschieht dies? Und wie argumentiert man gegenüber „fachfremden“ Institutionen, ohne dabei eigentliche Qualitäten und Alleinstellungsmerkmale aufzugeben?

Vorschläge hierzu wurden und werden durchaus bereits diskutiert. Jürgen Weidinger etwa beschrieb jüngst vier Kategorien als relevant für eine entwurfsbasierte Forschungsevaluierung. Dazu zählt er zunächst die „gereifte Praxis“, womit ein plausibel argumentierbarer Entwurfs- und Entwicklungsprozess gemeint ist. Des Weiteren gelte es, diese Entwurfspraxis anhand eines „innovativen Wissensbeitrages“ zu beschreiben. Zur Ermittlung eines solchen, sei es erforderlich relevante Wissensbestände sowohl der Entwurfsdisziplin(en), als auch (themenrelevante) wissenschaftliche Erkenntnisse, die über die eigene Gestaltungsdisziplin hinausgehen zu befragen und in Relation zum Entwurfsresultat zu stellen. Auf dieser Basis sollte sich der tatsächliche Wissensbeitrag beschreiben lassen, sowie in das bestehende Forschungsfeld eingeordnet werden können. Demnach ließen sich also auch anhand von Entwurfsresultaten, sowie mit Hilfe von Entwurfsprozessen Forschungslücken schließen, und somit als Wissensbeiträge triftig begründen.

Eine andere Grundlage zur Bewertung von Designforschungsprojekten schlug zuvor bereits Jodi Forlizzi, ebenfalls anhand von vier Kriterien vor: Erstens den Forschungsverlauf („Process“), zweitens den Innovationsgrad des/der darin generierten Projekte(s) („Invention“), drittens die Relevanz des Themas und der darin vollzogenen Schlüsse („Relevance“), sowie viertens die Skalierbarkeit der Forschungsergebnisse („Extensibility“).

Alain Findeli benennt zudem, als zentrales Bewertungskriterium für Designforschungsprojekte, deren (möglichen) Wissenstransfer in drei designrelevante Bereiche, nämlich der Designtheorie, der Designpraxis und der Designdidaktik. Demnach ginge es also erstens um einen originären, signifikanten Beitrag zum Designwissen; zweitens um eine Neuerung und Verfeinerung der Designpraxis – und damit in Verbindung stehend: um eine Bedarfsbefriedigung auf Nutzerseite; sowie drittens um nutzbringende Konsequenzen für die Design Ausbildung.

Unbeachtet bleibt – doch das ist hier verkraftbar – letztlich auch in Vaughans Sammelband die Feststellung, die Jürgen Weidinger als „ökonomisch motivierte Verwissenschaftlichung der Entwurfsdisziplinen“ bezeichnet. Demnach entstanden und entstehen einige der Praktiken entwurfsbasierter Forschung auch vor dem Hintergrund einer zunehmenden Ökonomisierung der Universitäten, durch die sich Vertreter*innen der Entwurfswissenschaften dazu veranlasst fühlen, „sich den Methoden und Evaluierungsverfahren der Wissenschaftlichen Disziplinen unterzuordnen“.

Ungeachtet dessen ließe sich aber auch mit Wolfgang Jonas argumentieren, der den Gestaltungsdisziplinen eine von ihm als genuin designerisch bezeichnete Weise der Wissensproduktion konstatiert, die naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Methoden nicht nur ergänzt, sondern beinhaltet. Dies wiederum bringt „Practice based Design Research“ sehr plausibel zum Ausdruck, wodurch es sich schließlich als – im besten Sinne unfertiges – Referenzwerk für Lehrende und Lernende im Theorie-Praxis-Dickicht der Designforschung eignet.

Tom Bieling, März 2019

 

 

  >>> Artikel als PDF

 

 

Laurene Vaughan (Hg.)
Practice based Design Research
232 Seiten; 29,95 €, Bloomsbury, 2019
ISBN 978-1-350-080409

 

 

Citation Information:
Bieling, Tom (2019): Practice based Design Research. Buchbesprechung.
In: DESIGNABILITIES Design Research Journal, (03) 2019. https://tinyurl.com/yyyouknu  ISSN 2511-6274

 

 

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