»Lost in the GDR«. Ein #Kommentar von Raban Ruddigkeit 

#metwo und #ichbinhier sind nur zwei Beispiele dafür, dass soziale Netzwerke nicht nur zur Verrohung beitragen, sondern auch zum Erkenntnisgewinn. Beides – Verrohung und Erkenntnis – hat durch ihre technische Bedingtheit mit Gestaltung zu tun. Und beides umso mehr mit politischer Haltung. Diese wiederum ist häufig an individuelle Erfahrungen und Beobachtungen geknüpft. So auch bei Raban Ruddigkeit in seinem heutigen #Kommentar.

Habib war der beste Freund meiner Kindheit. Unsere Mütter waren Kolleginnen und bekamen uns nur wenige Wochen voneinander entfernt. Und spätestens nachdem meine Mutter starb, wurde er dann tatsächlich so etwas wie mein Bruder. Habib war der Sohn eines syrischen Medizinstudenten, der Leipzig 1968 dann doch nicht attraktiv genug fand, um nach seinem Studium einem Kind zuliebe in dieser Tristesse zu verbringen.

Habib und ich bastelten Collagen, die sich mit Luis Corvalan solidarisierten, spielten Cowboy und Indianer und bekamen immer dieselben Spielzeuge geschenkt. Was weniger mit unserer ästhetischen Synchronisation zu tun hatte, sondern einfach damit, dass es eben für jede Altersstufe nur eine überschaubare Optionstiefe an potentiellen Geschenken gab. Und wer in diesem Zusammenhang beim Gegenteil von Vielfalt auf den Begriff der Einfalt schließen muss, kann ein bisschen erahnen, wie die Ostdeutschen zu ihrer gerade im Moment wieder deutlich spürbaren mikrofaschistoiden Lebenseinstellung finden konnten.

Wie immer und überall änderten sich jedoch sogar in der uniformen Zone die Zeiten. Habib wurde der erste Punk in seinem Kiez, was damals soviel bedeutete wie; nicht das anzuziehen, was alle anzogen. Nicht die Musik zu hören, die alle hörten. Und vor allem nicht das zu sagen, was alles sagten. Auf den Straßen trieben sich die ersten Skinheads herum, niemand interessierte es. Habib hatte nur noch die Wohnung seiner Mutter als sicheres Zuhause und er wurde immer stiller. Und immer gereizter. Nur wenn wir Sonntag nachmittags gintonictrunken durch die Pfützen von Leipzig-City tanzten, hatten wir ein Gefühl von Lebendigkeit und eine klitzekleine Ahnung davon, dass Freiheit mehr sein könnte, als ein Wort an einer Wand.

Sofort nach dem Mauerfall verschwand Habib nach Amsterdam, wo es Sachen gab, die er lieben musste. Interessante Drogen, lockere Ladies und Leute, die ihn nicht ständig schräg anschauten. Im Jahr 1990 kam er noch einmal nach Leipzig zurück. Als es nachts an meiner Tür klingelte, stand ein blutüberströmter junger Mann vor meiner Tür, den ich zuerst gar nicht erkannte. Habib, der immer zu den absolut Coolsten gehörte sagte nur: ”Heute bin ich das letzte Mal in Deutschland.“ Eine Bande von Herren-Ossis hatte ihn direkt nach dem Aussteigen auf dem Leipziger Hauptbahnhof halb totgeschlagen. Damals, als es noch keine Shoppingmall war, sondern ein schwarzes Loch wie das gesamte kleine Land.

Danach habe ich den Kontakt verloren. Als ich ihn in Amsterdam besuchen wollte, kam er nicht zur verabredeten Stelle. Er erzählte mir am Telefon von seinem Besuch in Syrien, wo er kurz seinen Vater traf, der mit Frau, Kindern und Arztkarriere wenig Verwendung für ihn hatte. Wie ich hörte, ist auch er Vater geworden, hat sich jedoch von der Mutter seines Sohnes getrennt. Seit mehr als 20 Jahren ist er für mich nicht mehr erreichbar, in der für ihn sehr typischen Art einfach verschollen. Ich habe mir die Finger wund gegoogelt und kenne mittlerweile einige Habibs in Amsterdam und dem Rest der Welt …

Aber wo soll ich ihn wirklich suchen? Ich weiß nur – nicht in seiner Heimatstadt Leipzig.

Raban Ruddigkeit, August 2018

 

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Raban Ruddigkeit, Designer, Autor & Herausgeber,
schreibt in regelmäßigen Abständen für Designabilities.
Foto by Lars Harmsen, 2015

 

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