Vom Provisorium bis zur Improvisation – Margit Schild und Tom Bieling im Gespräch

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Manchmal – oft genug – geschieht Unerwartetes (ital.: improvviso). Dann müssen wir reagieren, mitunter entgegen unseren ursprünglichen Planungskonzepten: wir improvisieren. Etymologisch geht dies auch auf den Versuch zurück, dem Unvorhergesehenen entgegen zu wirken, also Dinge vorherzusehen und vorzubereiten (lat.: providere). Mindestens ebenso vertraut ist uns das Prinzip der Verfeinerung und Verbesserung (engl.: to improve). Improvisieren findet in allen Kontexten und Maßstäben statt: im Kleinen (etwa der Stuhl-Lehne als Kleiderbügelersatz), wie im Großen (etwa einem „Automausstieg“ angesichts naturkatastrophal bedingter Reaktor-Unfälle).

Am Freitag (27. Oktober 2017) startet das dreitägige, interdisziplinäre Symposium Out of the Blue im HKW – Haus der Kulturen der Welt Berlin, um sich dem Thema Improvisation aus unterschiedlichen Blickwinkeln theoretisch und praktisch zu nähern. Tom Bieling sprach mit der Kuratorin des Symposiums, Margit Schild, die neben ihrer Arbeit als Regisseurin und Dozentin auch Mitbegründerin der „Schule des Provisorischen“ ist.

[Tom Bieling:] Soziale Systeme, kulturelle Zusammenhänge und natürliche Umweltbedingungen unterliegen einem fortwährenden Wandel. Langfristige Planungskonzepte – etwa in politischen oder Unternehmenskontexten – müssen daher immer wieder aktualisiert werden, was den Ruf nach flexibleren Planungsformen lauter werden lässt. Improvisation ließe sich als eine Art Handlungsstrategie verstehen, die einerseits den erforderlichen Grad an Flexibilität mit sich bringt, andererseits vielleicht dem Prinzip „Planung“ entgegensteht. (Wie) passt das zusammen?

[Margit Schild:] Das passt gut zusammen, da beides nebeneinander besteht. Ich komme ursprünglich aus der räumlichen Planung. Dort arbeitet man eher mit langfristigen Zeithorizonten. Das ist auch teilweise gar nicht anders möglich. Beispiel: Öffentliche Grünflächen, Parks, Gärten, benötigen eine längerfristige Perspektive. Sie können nicht jedes Jahr neu entscheiden, ob Sie einen Baumbestand anlegen wollen oder nicht. So etwas braucht eine Entwicklungsmöglichkeit. Es gibt nach wie vor Planungsinstrumente, die das gewährleisten. Damit schaffen sie Rahmenbedingungen. Zudem bleiben bestimmte Grundanforderungen an eine Stadt bestehen, die nicht unentwegt neu bewiesen werden müssen, Beispiel: Kinder brauchen Platz zum Spielen. Darauf können sich die Verantwortlichen verlassen und damit kann man auch langfristig planen. Jedoch hat sich so etwas wie ein grundlegendes Verständnis von Planung verändert: “Planung als Prozess” macht die Runde. Damit treten zum Beispiel kommunikative Aspekte stärker in den Vordergrund, Aushandlungsprozesse mit allen Akteuren einer Stadt. Hier treten dann auch Improvisationen auf die Bühne. Provisorien z.B., um Ergebnisse auszuhandeln und Neues auszuprobieren. Überhaupt passen “Denken in Prozessen” und Improvisation gut zusammen.

Außerdem sollte es, neben den traditionellen Raumangeboten, offenere, undefinierte Orte, temporäre Räume und Flächen geben, die Neues zulassen und auf denen improvisiert, experimentiert werden darf. Zum Beispiel bringen Menschen aus anderen Ländern andere Wünsche und Ansprüche an öffentliche Räume mit. Da gibt es wenig Erfahrungen oder gesichertes Wissen. Da muss man ausprobieren können.

Bild: Katja Hommel, Out of the Blue.

Der Begriff „Improvisation“ weckt ja häufig Assoziationen zur Trickserei oder zur Notlösung. In den gestaltenden Disziplinen finden sich hierzu durchaus unterschiedliche Positionen. Design und Architektur stellen sich häufig rationalistisch, im Sinne einer Gestaltung als Planungsprozess dar. Denkt man hingegen an improvisierte Musik, so wird deutlich, wie sehr das „Situative“, das „Dynamische“ eine eigene – durchaus auch prozesshafte – Schaffensqualität hat. Wie lassen sich die Prinzipien des einen auf das andere übertragen?

Das muss man nicht. Es ist ja durchdrungen davon. Improvisation ist zum einen eine Alltagshandlung. Wie wollen Sie denn sonst neue Situationen bewerkstelligen? Hier ein Meeting mit anspruchsvollen Businesspartnern, dort ein Gespräch mit einem schwierigen Studenten, der sich merkwürdig verhält oder komplizierte Sachen von sich gibt. Da können Sie nur Ihre Erfahrung intuitiv spielen lassen, sprich: improvisieren und mitunter tricksen. Das Zeitgewinnen ist so ein Trick, der auch gerne unbewusst angewendet wird. Aber natürlich kann ich die Improvisation als Methode vor mich hinstellen, ihre Kernprinzipien anschauen und bewusst anwenden. In der Kunst, in der Musik, im Schauspiel, wird ja genau das gemacht. Da existieren dann auch Regeln für spontanes Handeln. Genauso muss Planung improvisieren, wie oben erläutert wurde.

Von der spezifischen Problemlösung im Kleinen bis hin zur größeren Vision bzw. einer handlungsbewussten Grundhaltung – für die Betrachtung von und dem Umgang mit dem Improvisatorischen gibt es unterschiedliche Betrachtungshorizonte. Welche schlagen Sie vor?

Im Symposium definieren wir drei Horizonte improvisatorischen Handelns: 1. Die Ebene der spezifischen Bedingungen, unter denen Provisorien entstehen und spezifischen Formen, die sie annehmen, 2. die Ebene der gesellschaftspolitischen Umstände, die systembedingt Unsicherheit erzeugen, um Menschen in Arbeit und Leben zu kreativen Höchstleistungen zu zwingen, 3. die Ebene der Erweiterung konventioneller Handlungsbegriffe hin auf andere Vorstellungen situativen, umweltbewussten und intuitiv vorausschauenden Agierens.

Charles Jencks und Nathan Silver haben hierzu ja den Begriff des „Adhocism“ eingeführt, mit dem sie die Improvisation insbesondere als Methode der situativen Gestaltung beschreiben. Dies deckt sich zum Teil auch mit den Diskursen um implizites, intuitives (Erfahrungs-) Wissen („Tacit Knowledge“) als Grundlage für Innovation und agiles Lernen. Dass allzu formalisierte und somit starre Strukturen und (Arbeits-) Abläufe einem Agieren in komplexen, dynamischen Kontexten und in Bezug auf deren aktive Gestaltung entgegenwirken können, liegt auf der Hand. Worin liegen hingegen die Schwachstellen im Improvisatorischen?

Ich sage nur: Trump. Daran sieht man: 1. Der Kontext ist entscheidend. Und es ist eine Frage der Perspektive, ob Sie blindwütiges und impulsives Handeln aus Unkenntnis “Improvisation” nennen oder “Flickschusterei”. Denn wenn jemand in seiner Garage provisorisches Handeln ausprobiert, interessiert das ja niemanden. Aber auf der Weltbühne sieht das anders aus: Es gibt eben Zusammenhänge, in denen ist “die hohe Kunst” der Improvisation gefragt. Diplomatie könnte man das vielleicht auch nennen. Dazu braucht es ausgefeiltes Erfahrungswissen, Menschenkenntnis, Situationssensibilität und einen 360 Grad Blick.

Aber nicht immer ist impulsives Handeln schlecht. Und viele Provisorien werden aus Unkenntnis gebaut, weil man nicht weiß, wie es eigentlich geht. Man behilft sich eben. Da sollte fein unterschieden werden.

Improvisation ist gleichbedeutend mit Erfahrung. Und die Situation, in der improvisiert wird, gibt eine Response, sie ist ja Bestandteil dessen. Daran können Sie sehen, ob “es” läuft. Womit die Frage beantwortet wäre, ob Trump improvisiert oder nicht. Sie könnten aber auch von gelungenen oder missglückten Improvisationen sprechen. Aber woran sehen und bemessen Sie das? Improvisationen schaffen Raum für neue Strukturen, neue Regeln. Egal, ob sie misslingen, oder nicht. Insofern kann die Frage nach Schwachstellen nicht einfach beantwortet werden, oder nur so: Es kommt drauf an, wo das geschieht und wer mit den Konsequenzen einer missglückten Improvisation zu leben hat.

Der Kulturtechnik des Im-Provisorischen – verstanden als konstruktiver Umgang mit Unordnung – könnte in Zeiten des Umbruchs, der Ungewissheit und Neuordnung eine neue Bedeutung zukommen. Etwa im Sinne Christopher Dells, der den Begriff der Improvisation nicht im Sinne einer Ausbesserung, sondern als grundsätzliches Prinzip des Schaffens von und Orientierens in transformatorischen Seinsformen verstanden wissen will. Inwieweit ließe sich das Arbeiten mit Provisorien als prädestiniert dazu ansehen, mit den risikobehafteten Herausforderungen unserer Zeit umzugehen?

Es kommt darauf an, in welchem Kontext Sie diese Frage stellen. In westlichen, wohlhabenden Gesellschaften? “Transformatorische Seinsformen” sind doch nicht überall auf der Welt etwas Außergewöhnliches, sondern eher eine Selbstverständlichkeit. Im privaten Freundeskreis mit Stückwerk-Biografien und gescheiterten Ehen? Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr die Vorstellung von Langfristigkeit und Planungssicherheit das Leben vieler durchzieht. Wenn ich da mit “potentieller Entwicklungsoffenheit” komme, ernte ich Stirnrunzeln. Man möchte “was Richtiges, Dauerhaftes”. Werde ich in Krisen um Rat gefragt, lautet der mitunter: “Mach das doch erst mal so. Danach sehen wir weiter.” Diese Kernaussage des provisorischen Handelns wird dann nach einer Probephase mit Erleichterung in das eigene Handlungsrepertoire aufgenommen.

Das Prinzip Improvisation erlaubt nicht zuletzt ein Infragestellen womöglich antiquierter Vorstellungen von Gestaltungshoheit. Deutlich wird dies am Beispiel des „Non Intentional Designs“ (NID) mit dem Uta Brandes und Michael Erlhoff die alltägliche (unprofessionelle) Umgestaltung des (professionell) Gestalteten bezeichnen. Wir alle kennen und machen das: Dinge umnutzen oder zweckentfremden und sie dadurch entgegen ihrer ursprünglichen Gestaltungsintention unseren akuten Bedürfnissen anpassen. Funktion und Bedeutung gestalteter Objekte können sich demnach je nach Nutzungskontext verschieben bzw. werden im Prozess der Nutzung überhaupt erst hergestellt. Mit ihren Überlegungen zum NID verdeutlichen Erlhoff und Brandes aber insbesondere auch dies: bei aller Kompetenz professioneller Designer verwirklicht sich Design demzufolge tatsächlich erst im Gebrauch. Hierdurch käme dem Rezipienten eine weitaus weniger passive Rolle zu, als so häufig angenommen. Sind nicht letztlich auch all die partizipativen Forschungs- und Gestaltungsansätze der letzten Jahre eben Ausdruck genau dessen? Nämlich dem Versuch, das normative Machtverhältnis von Gestalter und Nutzer/Rezipienten aufzubrechen?

Ich kann das am ehesten für meine Ursprungs-Disziplin, die Landschafts- und Freiraumplanung, beurteilen: Spätestens seit Lucius Burckhardts “Design ist unsichtbar”, aus den 1980er Jahren, ist das bei uns in Diskussion. Der Designer arbeitet nicht im luftleeren Raum, er bestimmt, zusammen mit dem gesellschaftlichen Kontext, welche institutionell-organisatorischen Komponenten den von ihm/ihr entworfenen Gegenständen innewohnen, auch wenn sie in dem Sinne “unsichtbar” sind. Aber sie sind es, die mitbestimmen, inwieweit eine Partizipation, eine Teilhabe bzw. Mitwirkung an gesellschaftlichen Prozessen möglich ist. Und das weiter oben benannte “Planen im Prozess” meint genau das: die Teilhabe der Akteure am politischen und eben auch gestalterischen Geschehen.

Margit Schild & Tom Bieling

 

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Margit Schild ist Filmemacherin, Künstlerin und Autorin. Nach ihrem Studium der Landschafts- und Freiraumplanung und Promotion an der Universität Hannover arbeitete sie als Gastprofessorin und Dozentin an diversen Universitäten, wie der Universität der Künste Berlin und Emily Carr University in Vancouver, Kanada. Neben ihrer Arbeit als Regisseurin ist sie Mitbegründerin der „Schule des Provisorischen“. Sie lebt und arbeitet in Berlin sowie in Kanada.

Tom Bieling, Designforscher und Autor, forscht, lehrt und promoviert am Design Research Lab der Berliner Universität der Künste über die soziale und politische Dimension von Gestaltung. Seit 2011 Gastprofessor an der German University in Cairo (GUC). Initiator von www.designforschung.org und Gründungsmitglied des Design Research Networks sowie der Initiative Design promoviert.

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Das Symposium Out of the Blue – Vom Provisorium bis zur Improvisation findet vom 27.– 29. Oktober 2017 im HKW (Haus der Kulturen der Welt, Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin) statt.

Das Symposium richtet sich an alle Interessierten: an Berufsgruppen, die beständig improvisieren oder mit Provisorien arbeiten, sowie an Künstler*innen, Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen und Theoretiker*innen, die einen genaueren Blick auf die vielfältige und interessante Kulturtechnik des Im-Provisorischen richten möchten.

Die Teilnahme und der Eintritt zu den Vorträgen, Diskussionsrunden, Konzerten, Performances und Workshops, die auf Deutsch oder Englisch gehalten werden, sind kostenlos.

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