Die Auto-Kraten. Ein #Kommentar von Raban Ruddigkeit.

Als wäre es gestern erinnere ich mich an ein Podiumsgespräch vor etwas mehr als einem Jahr, bei dem ich mich in einem Dialog u.a. mit einem Markenmanager eines führenden deutschen Automobil-Unternehmens befand. Spätestens, nachdem ich die – zugegebenermaßen völlig unwissenschaftlich – vorgetragene Frage stellte, warum denn nicht die Deutsche Autoindustrie das iPhone entwickelt hat, obwohl es doch eigentlich in ihren Genen (Mobilität), in deutschen Design-Traditionen (Braun) & sogar in ihren technischen Möglichkeiten (Navigationssysteme etc.) lag, kippte der Plauderton – und das ist interessant – ins Moralische.

Arbeitsplätze, unüberschaubare Risiken & vor allem der unnachgewiesene Nutzen spinnerter Ideen verunmöglichten das Denken in diesen Kategorien zugunsten des einzigen Exportschlagers unserer vorbildhaften sozialen Marktwirtschaft. Tatsächlich habe ich mich an diesem Abend so schlecht & falsch gefühlt wie zuletzt beim vergeblichen Versuch eine Lehrers, mir das Tangotanzen beizubringen.

Wieviel Software-Skills tatsächlich vorhanden waren, wurde nur wenige Wochen später deutlich. Und wenn ich in diesem Zusammenhang daran erinnern darf, dass z.B. der sogenannte Computer & der MP3-File in Berlin erdacht wurden, um dann von angloamerikanischen Unternehmen zur Marktreife & zum Milliarden-Business entwickelt zu werden, stellen sich mir einige – und damit gebe ich das gern zurück – moralische Fragen;

Welche Moral erlaubt es Unternehmen, unter dem Totschlagargument der Arbeitsplatzsicherung, an potentiell gesünderen Technologien nicht nur nicht zu arbeiten, sondern die Budgets in die gemeinschaftliche High-Tech-Vertuschung von überschrittenen gesetzlichen Höchstwerten zu investieren?

Welche Moral ermöglicht es Vorstandsvorsitzenden von Unternehmen mit Staatsbeteiligung trotz laufender Ermittlungen durch den Staats(!)anwalt weiterhin die Geschäfte zu führen?

Welche Moral gestattet es dem Vertuschungs-Kartell, nun sogar vor laufenden Kameras in Berlin zu tagen & sich ihre nachweislich vorher abgestimmten faulen Kompromisse so bestätigen zu lassen, als wären sie Lösungen?

Welche Moral erlaubt es Politikern, öffentlich darüber nachzudenken, Steuergelder für die Rettung dieser überholten & am Rande der Kriminalität existierenden Technologien zu verschwenden?

Welche Moral herrscht bei den hunderten, wenn nicht tausenden am Projekt »Gib Gas Deutschland« Beteiligten, wenn über Jahre nicht einer von ihnen ernsthaft Widerspruch eingelegt hat?

Und nicht zuletzt; Welche Moral herrscht in Unternehmen, deren Verantwortliche es bis heute nicht geschafft haben, auch nur in die Nähe dessen zu gelangen, was man unter uns Menschen eine Entschuldigung nennt?

Was das mit Design zu tun hat? Solange Strukturen & Organisationen in einer Gesellschaft die oben beschriebenen Tatsachen möglich machen, hat Design als Innovationsmotor nicht die geringste Chance!

Raban Ruddigkeit, August 2017

 

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Raban Ruddigkeit, Designer, Autor & Herausgeber. 
Foto by Lars Harmsen, 2015

 

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About designabilities

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