Vilém Flusser und das lebende Archiv


„Der Hebel ist eine einfache Maschine. Sein Design folgt dem menschlichen Arm, er ist ein künstlicher Arm.“ [1] 

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Der Philosoph und Kulturtheoretiker Vilém Flusser (1920–1991) hat in seinem Werk viele derzeit aktuelle Themen vorweggenommen. Auch „die Offenheit seines Denkens und Schreibens passen zu den Herausforderungen der jetzigen Zeit“, so Maren Hartmann, die neue Direktorin des an der Universität der Künste Berlin beheimateten Vilém Flusser Archivs ,das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Flussers Art und Weise zu denken für die Öffentlichkeit lebendig zu halten und weiterzuführen.

Das Wort Design

Für Vilém Flusser basierte Kultur auf Design. Und zu designen bedeutete für ihn „die Natur dank Technik überlisten, Natürliches durch Künstliches übertreffen“, wie er in seinem Essay „Vom Wort Design“ schrieb.[2] Der 1920 in Prag geborene Flusser hatte selbst keinen professionellen Gestaltungshintergrund, auch liegt seinen Texten keine kunstgeschichtliche Kritik der Formgebung zugrunde. Vielmehr basiert sein Werk auf empirischen Beobachtungen und (autodidaktisch erlernter) linguistischer Philosophie. So verfolgte er beispielsweise das Wort „Design“ zurück zu seinen Wurzeln und zog die Schlussfolgerung, dass es in enger Beziehung zu Maschine, Technik und Kunst stehe.

Seine Art zu Denken und Schreiben gewährt Flusser einen unabhängigen Blickwinkel. Manchmal scheint er von einem Absatz zum nächsten einen entgegengesetzten Standpunkt einzunehmen. Was auf den ersten Blick verwirrend erscheinen mag, kann als performativer Aspekt seiner Texte gesehen werden, wie Rainer Guldin, Dozent für Deutsche Sprache und Kultur an der Università della Svizzera Italiana sagt.[3] Damit interagiere Flusser gezielt mit seinen Lesern, führe sie um den Gegenstand des jeweiligen Essays herum, damit sie ihn aus allen Perspektiven und in seiner ganzen Komplexität betrachten könnten.

Guldin beschreibt Flussers Schreibpraxis als „zwischen den Sprachen und Medien hin und her nomadisierend“. Seine Texte sind weder objektiv und faktisch belegbar noch rein literarische Arbeiten sondern „intersubjektive dialogische Philosophiefiktionen, auf der Grenze der Diskurse“, so Guldin weiter. Flusser hat seine Texte so gestaltet, dass sie provozieren und die Leser zum Nachdenken und Handeln auffordern. Das wird auch am Ende seines Essays „Vom Wort Design“ deutlich: „Dieser Aufsatz folgt […] einem ganz spezifischen Design: Er will die listigen und heimtückischen Aspekte im Wort Design zutage fördern.“ [4]

Undinge

Vilém Flusser hatte Prag, das während seiner Kindheit und Jugend ein europäisches Zentrum für Kunst, Industrie und Design war, im Alter von 19 Jahren verlassen müssen. Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs floh er zusammen mit der Familie seiner späteren Ehefrau, Edith Barth, und überlebte so als einziges Mitglied seiner Familie den Holocaust. In London konnte er das Philosophiestudium, das er in Prag begonnen hatte, fortsetzen, wanderte allerdings 1940 mit den Barths nach Brasilien aus, wo er zunächst im Import und Export tätig war, später dann mit dem Brasilianischen Philosophischen Institut in Kontakt kam und sich schließlich auf das Schreiben und die Lehre konzentrierte. Er verließ Südamerika 1972 und kehrte nach Europa zurück, wo er unter anderem Gastprofessor an der Ruhr-Universität Bochum tätig war. 1991 starb er bei einem Autounfall.

Flusser nahm den Begriff „Design“ erst relativ spät in sein Denkgebäude auf. Seinen ersten Text zu diesem Thema schrieb er für einen Kongress des Internationalen Forum für Gestaltung in Ulm, „Gestaltung und neue Wirklichkeit“ (1988). Es war eine Auftragsarbeit („Gebrauchsgegenstände“), die wenige Tage später in der Basler Zeitung publiziert wurde. Für das Design haben ihn die Redakteure Fabian Wurm und Klaus Thomas Edelmann des vom Rat für Formgebung herausgegebenen Design Report sichtbar gemacht: Von 1989 bis 1991 schrieb Flusser insgesamt 10 Beiträge für die Zeitschrift.

Gerade Flussers ungewöhnlicher, sehr breiter und weitgehend philosophischer Ansatz machte seinen Umgang mit Design interessant. Flusser diskutierte Themen aus der Philosophie, Anthropologie, Medienwissenschaft, Kulturwissenschaft, Sprachphilosophie und den Künsten. Außerdem behandelte er die medialen Phänomene, die mit der ansteigenden Computerisierung und dem Ausbau digitaler Netzwerke in Erscheinung traten, in Essays, die heute so aktuell scheinen wie nie zuvor.

Anfang der 1980er-Jahre beschrieb er wie „Undinge“ (Fernsehbilder, auf Datenträgern gespeicherte Fotografien, Hologramme, Computerdaten und -programme) die vertrauten, physikalischen Dinge verdrängen würden.[5] Die wachsende Anzahl an nicht greifbaren Dingen würde repräsentiert werden von Symbolen, die wiederum durch Tastendruck zu organisieren seien. Flusser beschreibt Tasten als „Vorrichtungen, welche Symbole permutieren und ansichtig werden lassen“. [6] Er verweist zwar auf die analoge Tasten seiner Zeit (wie die, die zur Bedienung von Schreibmaschinen, Telefonen, Fernsehern und Fotoapparaten nötig waren), seine Beschreibungen lassen sich allerdings auf die heutige digitale Welt übertragen. In einem Zeitalter, in dem immer weniger Dinge mit den Händen produziert würden, und zunehmend das Herstellen und Managen von Undingen in den Mittelpunkt rückte, würden die Fingerspitzen zum wichtigsten Organ des Menschen, so Flusser. Er schrieb: „Der Mensch der undinglichen Zukunft wird dank seiner Fingerspitzen dasein.“[7]

Das Archiv

Flussers Denken und Schreiben scheinen endlos. Was er beispielsweise als Vorlage für eine Vorlesung begann, führte er als Essay weiter, trug es dann im Rahmen einer nächsten Veranstaltung mündlich vor und veröffentlichte es schließlich in schriftlicher Form – oft allerdings nur, weil ein Abgabetermin einzuhalten war. Dabei wechselte er zwischen den Sprachen Tschechisch, Deutsch, Französisch, Englisch und Portugiesisch – auch, um seine Gedanken weiterzuentwickeln oder um Schreibblockaden zu durchbrechen. Außerdem editierte er keine einzelnen Passagen seiner Texte, sondern überarbeitete sie, indem er komplett neue Versionen verfasste.

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[Flusser Archiv © Antonio Castles, Image Courtesy: Vilém Flusser Archive]

Rund 2.500 Essay- und Buchmanuskripte, sämtliche Veröffentlichungen sowie die umfangreichen Korrespondenzen des Denkers werden heute im Vilém Flusser Archiv in Berlin (sowie in dessen Spiegelarchiv im brasilianischen São Paulo) bewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Bestand umfasst außerdem Flussers Reisebibliothek, zahlreiche Bild- und Tondokumente, digitale Artefakte, Sekundärliteratur und eine wachsende Sammlung von Diplom- und Doktorarbeiten.

1992 von Edith Flusser in Zusammenarbeit mit Vera Schwammborn, Miguel Gustavo Flusser und Klaus Sander ins Leben gerufen, wurde das Archiv 1998 zunächst an der Kölner Kunsthochschule für Medien in die Obhut von Siegfried Zielinski übergeben, der es 2007 mit seiner Berufung an die Universität der Künste Berlin mit umzog und dort für die Öffentlichkeit zugänglich machte. Nachfolgerin Zielinskis, der im Februar 2016 die Stelle als Rektor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe von Peter Sloterdijk übernahm, ist seit kurzem Maren Hartmann, Professorin für Kommunikations- und Mediensoziologie am Institut für Theorie und Praxis der Kommunikation der UdK Berlin.

„Archivierung“, sagt Hartmann, „heißt für mich als Nicht-Archivarin, dass es darum geht, die Werke angemessen aufzubewahren, zu katalogisieren, zugänglich zu machen und potenziell darauf aufbauend Weiteres zu entwickeln“. Ein „lebendes Archiv“, ein Archiv, das ständig genutzt wird und auch ständig wächst, sei mit seiner Fokussierung auf einen einzelnen Theoretiker eher rar.

Diese formale Besonderheit des Archivs findet auch inhaltlich seine Entsprechung: Flussers Biografie mit seiner Flucht aus Europa, wechselnden Lebensorten und Arbeitskontexten stelle einen Inbegriff des 20. Jahrhunderts dar und spiegele sich stark in seinem Werk wider, so Hartmann. Andererseits hätten seine Arbeiten aber viele derzeitig aktuelle Themen vorweggenommen, wie das Nomadische, die Frage nach der Heimat, die Idee der Vernetzung, die Zentralität der Kommunikation. Diese Themen gelte es nun – durchaus kritisch – aufzugreifen und zu diskutieren. „Und da hilft“, wie Hartmann weiter ausführt, „ein Archiv, um immer wieder Bodenhaftung zu erlangen, [also] tatsächlich in das Werk und seine Bezüge einzutauchen.“

Anja Neidhardt*, Februar 2017

 

 

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Referenzen:

[1] Vilém Flusser, Vom Wort Design, in: Fabian Wurm (Hrsg.), Vom Stand der Dinge. Eine kleine Philosophie des Design, Göttingen: Steidl, 1993, S. 11.
[2] Ebd.
[3] Rainer Guldin, Cotton Wool. On Flusserian Terminology, verfügbar unter https://vimeo.com/163670435 (zuletzt geprüft am 9. Juli 2016).
[4] Flusser, a. a. O. S. 13.
[5] Margit Rosen, Unding, in: Siegfried Zielinski, Peter Weibel, Daniel Irrgang (Hrsg.), Flusseriana. An Intellectual Toolbox, Minneapolis: Univocal, 2015, S. 305–307.
[6] Vilém Flusser, Das Unding 2, In: Michael Krüger (Hrsg.), Vilém Flusser. Dinge und Undinge. Phänomenologische Skizzen, München: Carl Hanser, 1993, S. 87.
[7] Ebd.

 

 

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* Currently based in Berlin, Anja Neidhardt is a reader, writer, editor and curator travelling between languages, countries and the various fields of design. She is especially interested in exploring the fringe, the alternative and the counter current within the field of design, for they have the potential to inspire and inform contemporary discourses. In June 2016, Anja graduated with a masters in Design Curating and Writing from the Design Academy Eindhoven. From 2012 to 2014, she was editor at form, for which she still regularly writes. She has also worked with the German Design Council, Slanted, Damn, The Weekender, Timelab and Fictional Journal, among others. She joined the DESIGNABILITES Family in 2016.

* Der Artikel wurde zuvor veröffentlicht im form Design Magazine, Ausgabe 267, September/Oktober 2016.

 

 

 

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