Räume des Ankommens – Topographische Perspektiven auf Migration und Flucht (#BookReview, german)

Möglichkeiten, sich auf neue Orte einzulassen, gibt es viele. In der Migrationsforschung wird hierbei häufig zwischen zwei bipolaren Modellen unterschieden: Assimiliation und Multikulturalismus. Ersteres zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die Neuankömmlinge aufnimmt, welche sich dann kompromisslos an die Aufnahmegesellschaft anpassen.

Was dabei gern übersehen wird: Bei der so genannten Aufnahmegesellschaft handelt es sich in den seltensten Fällen um eine homogene Gruppe. Woran sich Migrantinnen und Migranten (außer an Gesetzte, Regeln, Verbote) also genau anpassen sollen, darüber herrscht häufig Uneinigkeit. Das zweite, multikulturalistische Modell umschreibt dass Ineinandergreifen und Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen, vielfältigen geografischen und kulturellen Herkunftsorten.

Dass es zwischen diesen beiden idealtypischen Varianten noch eine Vielzahl an Grauwerten gibt, in denen unzählige weitere Formen des Ankommens existieren, die ihrerseits wiederum von den jeweiligen Stakeholdern unterschiedlich wahrgenommen werden, ist in den aktuellen Diskursen rund um die Migrationsforschung Common Sense.

Grundsätzlich bezeichnet Migration zunächst eine Wanderung von Menschen aus einem Raum in den anderen. Dies suggeriert einen Übergang von einem heimatlichen in einen neuen, fremden Raum. Genauer gesagt: in eine Vielzahl von Räumen. Etwa in architektonische, städtebauliche, landschaftliche, soziale, kulturelle und nicht zuletzt in emotionale, vielleicht gefühlsmäßige Räume.

Die Forderung nach „Integration“ greift das als Anmutung des Übernehmens einer neuen Raumordnung auf. Bewohner der „alten“ Welt befremdet dabei bisweilen nicht nur die Fremdheit der Neuankömmlinge, sondern gerade auch deren Nähe, also der Grad, zu dem ihnen die Neuankömmlinge bereits ähnlich sind. Sie tragen „westliche Kleidung“, nutzen Smartphones und stellen Forderungen – genau wie wir. Es sind häufig genau diese Ähnlichkeiten, auf die sich ein Teil der gefühlten Bedrohungszustände mancher „Einheimischer“ zurückführen lässt.

Hier offenbart sich eine Akzeptanzlücke, die dem aus der Robotik bekannten „Uncanny Valley“ Effekt gleicht. Nähert sich das vormalig Fremde in seiner äußeren Erscheinung zu sehr an bestehende, bekannte Realitäten an, wird’s gruselig.

Das wirft Fragen auf: Wie geht eine Gesellschaft mit Migration und Flucht um. Wie sollte sie es am besten tun und wie darf sie es auf keinen Fall? Was sind die Folgen, wo liegen Herausforderungen und Chancen? Culture Clash oder Willkommenskultur? In ihrem Band »Räume des Ankommens« versammeln Amalia Barboza et al. breit gefächerte Perspektiven der Flucht in einer flüchtigen Gesellschaft und gewähren Einblicke in die Geschichte und Gegenwart von Flüchtlings- und Ankommensräumen.

In Essays und Interviews werden ästhetische, soziale, künstlerische, philosophische, städtebauliche und architektonische Aspekte von Flucht, Fluchträumen, Flüchtlingsexistenzen, Migration und Asyl verhandelt – und nicht zuletzt die Frage, inwieweit neue Räume des Ankommens in unserer Gesellschaft möglich sind.

Ein Beispiel: die unterschiedlichen Möglichkeiten des Bewahrens und gleichzeitig des sich Anpassens und Assimilierens. Prozesse, die unter anderem mit neuen Begriffen wie Transkulturalität oder Transnationalität bezeichnet werden. Prozesse wie diese verdeutlichen, dass durch Migrationsbewegungen immer auch wechselseitige Beeinflussungen stattfinden, die nicht nur die Neuankömmlinge, sondern auch die Einheimischen betreffen, was auch bedeutet, dass Mehrfachzugehörigkeiten möglich sind.

Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf zahlreichen Aktivitäten, Initiativen und Aktivisten, die angesichts anhaltender Flucht-Diskurse immer wieder zu neuen Höchstleistungen angetrieben werden.

Die eingangs erwähnten, konträren Modelle mögen hierbei plakativ und womöglich realitätsabgewandt erscheinen, für die Forschung – so konstatiert Barboza – können sie „heuristisch wichtig“ sein, insofern es sich bei ihnen auch um Wunschmodelle handelt, die „mit politischen Diskursen verknüpft sind, um normativ zu bestimmen, wie sich Flüchtlinge und MigrantInnen idealerweise an einem neuen Ort eingliedern sollen: entweder indem sich sich völlig assimilieren oder indem sie sich mit ihren Partikularitäten sichtbar und produktiv einbringen.“

Dass damit verbundene Fragen freilich selten pauschal beantwortet können, liegt auf der Hand. Und so kann (und soll) auch dieser Sammelband keine fertigen Lösungen, keine Baupatente oder Integrationsrezepte liefern. Denn die (notwendigen ebenso wie die bereits existenten) Räume des Ankommens sind vielgestaltig, situationsbezogen und amorph. Sie changieren zwischen Utopie und Dystopie, zwischen Eingliederung und Ausgrenzung, zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Hoffnung und Resignation. Die Lektüre der hier versammelten topografischen Perspektiven auf Migration und Flucht, helfen ein wenig, in diesem Koordinatennetz der Gegensätze zu navigieren.

Tom Bieling, Februar 2017

             

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Amalia Barboza / Stefanie Eberding / Ulrich Pantle / Georg Winter (Hg.)
Räume des Ankommens – Topographische Perspektiven auf Migration und Flucht 240 Seiten; 29,99 €, Transcript Verlag, ISBN 978-3-8376-3448-8

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