Partizipative und inklusive Mensch-Technik-Interaktion

Bereits am 21. April 2015 fand in der Berliner Villa Donnersmarck das “Friedrichshainer Kolloquium des Instituts Mensch, Ethik und Wissenschaft (IMEW) unter dem Titel „Technikgestaltung – die Perspektive Behinderung im Kontext der Innovations- und Technikentwicklung“ statt. In ihrem gemeinsamen Vortrag und der anschließenden Podiumsdiskussion mit dem weiteren Referenten Benjamin Freese (PIKSL) durchforsteten Dr. Birgit Behrisch und Tom Bieling Fragestellungen rund um das Thema “Technik im Kontext Sozialer Bewegungen”. Dr. Karl Bald von der Fürst Donnersmarck-Stiftung zu Berlin hat den Tag protokollarisch begleitet und uns seine Eindrücke in einer gekürzten Fassung als Gastbeitrag zur Verfügung gestellt:

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Das diesjährige „Friedrichshainer Kolloquium“ des Instituts Mensch, Ethik und Wissenschaft“ (IMEW) steht unter dem Thema „Technikgestaltung – die Perspektive Behinderung im Kontext der Innovations- und Technikentwicklung“, im Unterschied zu den bisher behandelten sozialwissenschaftlich-soziologischen Themen des Kolloquiums eine scheinbar ingenieur- und technikorientierte Fragestellung.

Doch weit gefehlt, durch den Vortrag von Dr. Birgit Behrisch (IMEW) und Tom Bieling (UdK / Design Research Lab Berlin) zum Thema „Partizipative und inklusive Mensch-Technik-Interaktion“ fand eine spannende Eröffnung des Themas statt. Zwei Vortragende aus entfernten Feldern, Philosophie und Design, kamen hier mit Synergieeffekt zusammen. Gewöhnlich haben diese Bereiche wenig miteinander zu tun. Beide Vortragende formulierten dagegen einen engen Zusammenhang zwischen Technik und Behinderung, so z.B. in der ersten These, dass Technik die Grenzbereiche zwischen Behinderung und Normalität markiere und Technik ebenfalls in den Herstellungsprozess und der Deutung von Behinderung involviert sei. Neutralität und Sachlichkeit von Technik ist demnach Fiktion, da Technologieentwicklung als zielorientierter Prozess definiert wurde. Welche impliziten Rollen- und Wertebilder in der scheinbar sachlich-neutralen Technik transportiert werden können, arbeitete Dr. Behrisch anhand verschiedener Behinderungsmodelle heraus. Für Bieling und Behrisch sind Partizipation und Inklusion wichtige Prinzipien, die bei Technikgestaltung als ethische Norm eine grundlegende Rolle spielen sollten.

Als konkretes Beispiel, wie eng Gestaltungsprozess und Behinderung verwoben sein können, präsentierte Tom Bieling den „Lorm-Handschuh“ (Lorm Glove): ein Projekt an der UdK (Design Research Lab), in dem die Kommunikation von taubblinden Menschen, nämlich das „Buchstabenschreiben“ in die Hand des Gegenübers durch Tastbewegungen, in einen sensorausgestatteten und vibrationsfähigen Handschuh digitalisiert wird und dadurch erstmalig unabhängig vom physisch anwesenden Gegenüber interaktiven Medien wie Email, SMS etc. genutzt können.

Genauso interessant war das Projekt „Lorm Hand“, eine künstliche Sensorhand, auf der Lorm-„Könner“ bei öffentlichen Veranstaltungen direkt auf einem Bildschirm und damit auch auf Onlineforen wie Twitter oder Facebook Nachrichten hinterlassen können. Eine geniale Erfindung, die die Kommunikation und Autonomie von taubblinden Menschen beeindruckend verbessern kann.

Die Beispiele „Lorm Glove“ und „Lorm Hand“ verweisen auf die enge Kopplung von Behinderung und Technik. Für Tom Bieling muss Designforschung an sozialer Relevanz interessiert sein. Er plädierte dafür, eingefahrene defizitäre Verständnisbilder von Behinderung infrage zu stellen. Die unkritische Ausrichtung von Gestaltung an Mehrheitsprinzipien schüfen für Menschen mit Behinderung neue Hürden.

Podiumsdiskussion

Innerhalb des Forschungsprojektes wurde eine Lorm Hand mit Bildschirm benutzt, um mit taubblinden Menschen zu kommunizieren. Der Lorm Glove ist bisher ausschließlich Forschungsprojekt und noch kein „markttaugliches Produkt“. Doch zeigt das Projekt, dass es möglich ist, getippte Lorm-Nachrichten von der Hand auf das Handy bringen. Ein großer Schritt zu mehr Autonomie, z.B. wenn man als taubblinder Jugendlicher ungestört von elterlicher Anwesenheit mit Freunden twittern will.

Man kann mit dem „Glove“(und seiner Peripherie) eigenständig Dateien lesen und produzieren und gewinnt damit autonomen Zugang zu Wissen. Wann, mit wem und wie kommuniziert wird, kann der taubblinde Nutzer so selbst entscheiden. Das gehe über individuelle Selbstbestimmung hinaus, da mithilfe des Handschuhs auch soziale Netzwerke im Sinne von Empowerment geknüpft werden können.

Die Teilhabe der Nutzer am Forschungsprozess selbst – also im Gestaltungs – Entwicklungs- und Evaluationsprozess – stehe für den partizipativen Teil des Projektes. Dennoch gebe es keine 100% Teilhabe im Forschungsprozess, so Tom Bieling, man habe aber regelmäßig an zentralen Knotenpunkten mit den Nutzern zusammen gearbeitet. Das inklusive Moment liege in der Nutzung des Produktes: Gestaltung neuer gesellschaftlicher Kommunikationsformen baue Barrieren ab.

Anschließend wurde außerdem die Ambivalenz von Hilfsmitteln diskutiert: einerseits kompensieren sie Beeinträchtigungen, andererseits: diskriminieren und stigmatisieren sie durch ihren Einsatz (klobige „Talker“ oder auffällige Notfallbuttons). Viele Betroffene wollen nicht, dass ihr Leiden für alle Menschen sichtbar gemacht wird. Ein Ausweg wäre, das Hilfsmittel im Sinne des „Designs for all“ herzustellen. Doch leider findet sich auch ein gegenteilige Trend: z.B. beim Talker wird ein Ipad auf die Talkfunktion herunterprogrammiert und in ein „Schutzhüllenpanzer“ gesteckt, damit es in den Hilfsmittelkatalog aufgenommen wird. Ein Hilfsmittel, das für andere Zwecke eingesetzt werden kann, wird nicht finanziert.

Hier ist nicht die Technik der Ansprechpartner, sondern das Sozialrecht: es müssen rechtliche Grundlage dafür geschaffen werden, was eine Teilhabeleistung definiert, so Dr. Birgit Behrisch. Eine Zuhörerin fand das Prinzip der Vereinfachungskompetenz spannend. Das könne allen helfen, z.B. könnten solche entwickelten Buttons die Softwarenutzung auch für Personen erleichtern, die kein Deutsch sprechen können.

Wird in der Technik mittlerweile mehr Wert auf Zugänglichkeit und Barrierefreiheit gelegt? Tom Bieling beantwortete diese Frage mit einem vorsichtigen Ja, er sieht einen Trend der verbesserten Nutzerorientierung.

Welche Chancen bieten sich durch digitale Medien, einen besseren Zugang zur realen sozialen Welt zu schaffen? Wie ist die Gefahr einer Flucht ins Virtuelle einzuschätzen? Spannende Fragen, die in diesem Rahmen nicht weiter vertieft werden konnte. Ein Zuhörer verwies ferner auf die Chancen der digitalen Teilhabe, da in diesem Austausch Behinderung erstmal nicht zu erkennen wäre, so würden die Erschwernisse von Menschen mit spastischen Beeinträchtigungen durch zeitversetzte Kommunikation weniger ins Gewicht fallen.

Weniger bremsendes Theoretisieren (Nachhaltigkeit, Gefahren…), sondern mutiges Ausprobieren von neuer Praxis einerseits, so lauteten die Abschlussworte. Andererseits nicht auf die Analyse verzichten, wie gesellschaftliche Entwicklung die Sicht auf Behinderung verändert. Technikgestalter haben Verantwortung, leider werde sie zu wenig genutzt, schloss Dr. Katrin Grüber (IMEW) die Diskussionsrunde.

Karl Bald
(Fürst Donnersmarck-Stiftung zu Berlin), Mai 2015

About designabilities

http://www.design-research-lab.org/team/tom-bieling/
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