Schöpfer der zweiten Natur – Der Mensch im Anthropozän (Book Review, german)

SchoepferDerZweitenNatur

Ob Tsunamis, Erdbeben oder Dürreperioden. Ob Meteoriteneinschläge oder Vulkanausbrüche. In der geologischen Arena spürbarer Brachial-Ereignisse und langfristig evidenter Veränderungsprozesse haben die herkömmlichen „Naturgewalten“ längst einen Konkurrenten bekommen: den Menschen.

Mit den von ihm produzierten, transportierten, konsumierten, verarbeiteten und entsorgten Eingriffen in Böden, Gewässern, Atmosphären und Panoramen ist der Mensch zum geologischen Faktor, wenn nich gar zu einem der geologischen Hauptakteure avanciert, dessen Spuren auch noch in Jahrmillionen erkennbar sein werden. Ähnlich erkennbar wie besagte und so genannte Naturerereignisse.

Paul Crutzen, Nobelpreisträger für Chemie, hat dafür den Begriff des Anthropozäns geprägt, der ein neues Erdzeitalter – das Menschenzeitalter – beschreibt. Dass es sich beim Anthropozän nicht vornehmlich um ein geochronologisches, sondern ein kulturelles und somit sozialhistorisches Phänomen handelt, bei dem der Technik und Technikentwicklung eine Schlüsselrolle zukommt, verdeutlicht sich anhand der Hybridisierung bislang annähernd trennscharfer Komponenten.

Indem der Mensch mit den von ihm entwickelten Technologien nicht nur Natur, sondern auch sich selbst, und mit ihm die Gesellschaft verändert, potenziert sich zugleich das Einflussgebiet seiner Gestaltungskraft. Dies geht auch einher mit weltbildlichen Konstruktionsverschiebungen fernab althergebrachter, in der griechischen Philosophie wurzelnder, abendländischer Dualismen: Natur versus Kultur; Objektwelt versus Zeichenwelt; biologisch Lebendiges versus technisch Geschaffenes; Gewordenes versus Gedachtes; Subjekt versus Objekt.

Wie stark das Anthropozän den Blick auf Natur, Kultur und Technik verändert, ist Gegenstand des von Arno Bammé herausgegebenen Sammelbandes „Schöpfer der zweiten Natur“. Mit dabei sind unter anderem Christan Schwägerl („Die menschgemachte Erde“), Wilhelm Berger („Technik, Politik und das Theater der Apokalypse“) und Bazon Brock („Prometheische Scham“).

Letzterer stellt die pathetische Rede vom Anthropozän als pseudo- bis wissenschaftliche „Gerüchteverbreitung im öffentlichen Diskurs“ kritisch in Frage. Lege sie doch nahe, den Menschen als Beherrscher der Natur zu proklamieren. Dies sei eine groteske Verkennung der Tatsache, dass „wir mit keiner menschlichen Wirkmacht die Naturgesetze aufheben können“.

Allein die Behauptung, rund vier Milliarden Jahre erdgeschichtliche Evolution können überboten werden von zweitausend Jahren geistesgeschichtlicher Prägekraft, stellt Brock als absurd und als Verkennung des folgenden Sachverhalts dar: „Wie immer wir auf die Natur einwirken, das Resultat wird keineswegs von den Menschen erzielt, sondern von der Geltung der Naturgesetze, die gerade nicht menschlicher Willkür unterliegen“.

Die Annahme, es käme für die Zukunft der Erde im wesentlichen auf die Menschen und deren Einwirkung auf die Natur an, sei demnach ein Trugschluss und laufe Gefahr zu einem fatalen Triumphalismus anthropozentrischen Denkens zu verkommen.

Was sich in Brocks Artikel wie eine Abstrafung der, überwiegend auf der anthropozentrischen These fußenden, vorherigen zehn Gastbeiträge liest, knüpft dabei auch an Bammés Aufzählung von „Fünf Gründe(n), warum die Menschheit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht gewachsen ist“ an.

Die Bandbreite der in diesem Band versammelten Beiträge liefert schließlich ein paar grundlegende Bausteine zu einer Ausformung eines postakademischen Wissenschaftsansatzes, indem disziplinäre Grenzen konstruktiv durchdrungen werden. Das Anthropozän dient Bammé et al. dabei als Anlass, tradierte, mitunter angestaubte Ansätze und Prinzipien der Soziologie herauszufordern, weshalb das Buch bisweilen auch als wissenschaftsdidaktische Streitschrift angelegt ist. Kern der Kritik: Nach wie vor sei die Soziologie durch einen Mangel an wissenschaftlichem Wissen gekennzeichnet, das auch gesellschaftlich relevant ist. Zudem mangele es ihr allzu häufig an kognitiven Vermittlungsinstanzen.

Es besteht somit die Herausforderung darin, im Dickicht aus Mensch, Natur und Technik, neuartige oder mögliche Hybride und Amalgame zu identifizieren und zu erforschen. Auch, um sie schließlich in gesellschaftliche Entscheidungsprozesse einbeziehen zu können.

Tom Bieling, Januar 2015

 

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Bammé, Arno (Hg.): Schöpfer der zweiten Natur – Der Mensch im Anthropozän; Metropolis; 230 Seiten, ISBN: 978-3-7316-1094-6; EUR 24,80

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