Hacking (Book Review, german)

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Seit mit Beginn der 1980er Jahre der Typus des Hackers durch Film- und Literatur im popkulturell unterfütterten Mainstream auf der breiten Bildfläche erschien, bewegt sich sein begriffliches Wechselverhältnis zwischen Kriminalisierung und Heroisierung. Mit der Debatte um Sicherheit, Überwachung, Zensur und techno-sozialen Restriktionen von staatlicher oder kommerzieller Hand gewinnt der Hacking-Diskurs seit einiger Zeit erneut an Aktualität.

Doch auch jenseits von Anwenderprogrammen und Computersystemen erfährt Hacking eine gegenständliche und begriffliche Konjunktur. In den MashUp-, Remix- und Sampling-getriebenen Kulturtechniken und -praktiken der Postmoderne, durchläuft der Hacking-Ansatz inzwischen vielschichtige Grenzgebiete. Etwa anhand von Schnittstellen-definitionen und -überbrückungen entlang von Natur und Technik („Biohacking“) oder in Form von dinghaften, ebenso einfach vollzogenen und leicht imitierbaren Lösungen für Alltagsprobleme („Lifehacking“).

Als zugleich Antriebskraft und Gegenstand der Untersuchung, fungiert Hacking als methodisches und experimentelles Werkzeug systemischer Exploration und beschränkt sich nicht nur auf die Erkundung gewisser Spielregeln, sondern intendiert auch deren Veränderung und Neuformulierung. Der Hack lässt sich folglich nicht (nur) auf listig-raffinierte Lösungen für Computerprobleme reduzieren, sondern versinnbildlicht generell ein kreatives Aufbrechen von Technologie, Dingen, Zusammenhängen und Begebenheiten, sowie eben: den damit verbundenen Systemen.

Dass die Strategie des Hackings seit der Popularisierung von Computer- und Netzthemen eine besondere Faszination auch auf die Kunst (speziell: Medienkunst) ausübt und warum das so ist, ergründet Dominik Landwehr anhand von sieben kurzen Beiträgen (Texte von Claus Pias, Raffael Dörig, Felix Stalder, Verena Kuni, Hannes Gassert; sowie Interviews mit Ubermorgen und der !Mediengruppe Bitnik) im zweiten Band* der Reihe ‹Edition Digital Culture›.

Die Vieldeutigkeit des Hacking-Begriff, angefangen von der Durchdringung von (Betriebs-)Systemen bis hin zur Handlungs- und Informationsbefreiung, spiegelt sich dabei auch in den Deutungsweisen und Beschreibungsformen der jeweiligen Beiträge wieder: So umreißt Raffael Dörig („Hacking Everyday Life“) das Thema am Beispiel von „geknackter Alltagselektronik“. Verena Kuni veranschaulicht hingegen den „handfesten“ Aspekt des Eindringens in bestehende Systeme am Beispiel der Überwindung Jack Torrances einer Badezimmertür mit Hilfe der Axt im Kubrick-Klassiker ‹The Shining›. Dabei wird auch deutlich: Das Brachiale eines Hacks scheint weniger im Werkzeug selbst, als im Modus Operandi und der damit verbundenen Handlungsintention zu liegen. Im positiven wie im negativen Sinne.

Tom Bieling, Dezember 2014


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* Dominik Landwehr (Hg.): Hacking; Edition Digital Culture 2; Migros-Kulturprozent, Christoph Merian Verlag; Oktober 2014, 260 Seiten, Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-85616-642-7;
EUR 15,00

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