Moralische Produkte – Politik und Ethik von Artefakten

Ein Call for Papers für die Jahrestagung der Gesellschaft für Technikgeschichte 2015 im Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam (08.05.2015-10.05.2015): 

Moralische Produkte – Politik und Ethik von Artefakten 

„Do artifacts have politics?“ fragte Langdon Winner in einem einflußreichen Aufsatz der 1980er Jahre. „Do artifacts have ethics?“ lässt sich diese Frage auf der Basis jüngerer Forschungsansätze in der Technikgeschichte und der Geschichte der materiellen Kultur erweitern. Wie sind Artefakte und technische Systeme in der Vergangenheit Anlass, Mittel und Austragungsort von politischen und ethischen Debatten geworden? Wie hängen diese mit ihrer spezifischen Materialität zusammen? Und wie haben historische Akteure es verstanden, durch Prozesse der „Moralisierung“ in sozialen Aushandlungsprozessen Veränderungen in der gesellschaftlichen Deutung von Artefakten und Techniken zu erreichen? Zeichnen sich gemeinsame Muster dieser „Moralisierung“ – und „Ent-Moralisierung“ – von Produkten in verschiedenen Zeiten ab?

Im Verlauf der Technisierung aller Lebensbereiche in der Moderne sind Artefakte vielfältig Gegenstand der politischen und ethischen Auseinandersetzung geworden. Unter dem Schlagwort des „ethischen Konsums“ wird gegenwärtig das Verantwortungsbewußtsein von Konsumierenden bei ihren Kaufentscheidungen diskutiert. Als „unpacking the ethical product“ beschrieb Andrew Crane die Aufgabe an die Forschung, solchen Praktiken analytisch auf die Spur zu kommen. Wie aus E. P. Thompsons Konzept der „moralischen Ökonomie“ bekannt ist, entstanden soziale Protestbewegungen bereits in der Frühen Neuzeit aus der Auseinandersetzung um lebenswichtige Konsumgüter, deren Qualität, Preis oder Rohstoffbasis die Akteure problematisierten. Fragwürdige Herstellungs- und Handelsbedingungen wurden auch für politisch bewusste Konsumierende des 20. Jahrhunderts handlungsleitend. Entsprechende sozialmoralische Überlegungen gaben den Anstoß zur Gründung von Konsumgenossenschaften bis hin zu Fair Trade-Organisationen. Produzenten reagierten auf solche Herausforderungen und schufen neue Produkte, Marken und Praktiken eines verantwortlichen Unternehmertums. Die warenästhetischen Dimensionen von Produkten nutzten frühe Designer, um in „Kitsch“-Diskursen die Notwendigkeit von Gestaltungsreformen zu propagieren und gleichzeitig die Professionalisierung ihres Berufsstands voranzutreiben.

Doch auch auf weiteren Feldern sind die Prozesse der Herstellung und des Umgangs mit Produkten an Vorstellungen und Aushandlungen der „richtigen“ – und „falschen“ – Art zu handeln geknüpft. Waffen waren eine Produktgattung, deren Verwendung zu allen Zeiten ethisch umstritten war. Immer wieder gab es religiöse Vorbehalte gegen die Nutzung bestimmter Techniken und Artefakte. In vielen Bereichen erwuchs daraus die Bereitschaft einer gesellschaftlichen Regulierung. Auch die „Entsorgung“ von Produkten und die Bewertung, wann diese als verbraucht galten, waren ein Ausdruck von sich wandelnden gesellschaftlichen Wertsetzungen. Im Bereich der industriellen Produktion waren es im 20. Jahrhundert die Stoppuhr und die NC-Maschine, die dinglich neue Zeitregime und die Standardisierung menschlicher Arbeit durchsetzen halfen und auf Widerstände stießen. Neue Kommunikationsmittel und Medien waren Steine des gesellschaftlichen Anstoßes. Die Robotik und die Computerisierung ließen die Einzigartigkeit des menschlichen Handelns und Denkens erkennbar werden. Medizintechniken ermöglichten die Prognose von Krankheiten und erzeugten durch deren potenzielle Planbarkeit neue Handlungsanforderungen. Die Gentechnik und der mechanische Ersatz von Körperteilen sind schon als „klassische“ Felder der ethischen Technikkritik zu bezeichnen.

Der Tagung wird ein weiter Technikbegriff zugrunde gelegt. Als „Produkte“ sollen auf der Tagung explizit nicht nur technische Güter und Systeme, sondern ganz allgemein Gegenstände, die die Basis der materiellen Kultur vormoderner und moderner Gesellschaften bildeten, untersucht werden: nicht nur Konsumgüter, sondern auch Werkzeuge, Produktionsmaschinen und andere Investitionsgüter, sowie Energieformen, Stoffe und Rohstoffe, Waffen und Infrastrukturen. Auch Vorschläge aus an die Technikgeschichte angrenzenden Disziplinen sind willkommen (Politik- und Konsumgeschichte, Umweltgeschichte, Designgeschichte, empirische Kulturwissenschaften, Museumspädagogik, historische Semantik, Wissenschaftsgeschichte, Technikwissenschaften, Soziologie etc.).

Gesucht werden Beiträge, die die politischen bzw. ethischen Dimensionen sowie die Prozesse und Strategien der „Moralisierung“ und „Ent-Moralisierung“ von Produkten wahlweise auf fünf Ebenen diskutieren:

1. Fallstudien zu einzelnen Produkten: Wie wurden Produkte von historischen Akteuren zum Gegenstand der sozialen Wertsetzung und zu „Medien“ gemacht, um politische und ethische Fragen zu thematisieren und soziale, technische, wirtschaftliche und ökologische Zusammenhänge in der materiellen Zirkulation (von Rohstoffen/Materialien, Artefakten und Informationen) aufzuzeigen und als politische Gestaltungsräume erkennbar zu machen? Mit welchen Argumenten wurden Produkte „moralisiert“ (z. B. demokratischer Zugang, Exklusivität, Originalität, Authentizität, Materialgerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Solidarität etc.)?

2. Produkte selbst als moralische Aktanten:
Inwieweit sind Produkte in diesem Prozess selbst als „Aktanten“ erkennbar, die bestimmtes Handeln nahelegten, anderes ausschlossen? Inwieweit wurde eine bestimmte „Moral“ den Gegenständen eingeschrieben (im Sinne eines Skripts)? Im Interesse welcher Akteure oder sozialen Bewegungen wirkten sie? Welche Wahrnehmungen der Wirklichkeit ermöglichten bzw. verhinderten sie? Wie wandelten sich diese Prozesse der „Werteinschreibung“ im Laufe der Zeit?

3. Das Verhältnis sozialer und politischer Bewegungen zu Artefakten: Welche sozialen und politischen Bewegungen bzw. historischen Akteure bauten in der Vergangenheit Artefakte und die aktive Veränderung ihrer Bedeutung in ihre Strategien der Auseinandersetzung ein? Welche spezifische Rolle spielten dabei materielle Artefakte? (Maschinenstürmer, koloniale Befreiungs- und Bürgerrechtsbewegungen, Autarkiepolitiken, Luxusdiskussionen, Boykotte, Kommodifizierungsdebatten, Umweltökologie, Globalisierungskritik, Do-it-yourself etc.)

4. Muster und Mechanismen der „Moralisierung“ von Artefakten und technischen Systemen: Welche Legitimations- und Delegitimierungsstrategien ergriffen die historische Akteure, um bestimmte Produkte und die sozialen Prozesse entlang ihrer Produktlinie ethisch in Frage zu stellen – um Bedeutungsverschiebungen auf semantischer Ebene von Produkten zu erreichen und neue Felder der gesellschaftlichen Aushandlung zu eröffnen? (z. B. Politisierung, Emotionalisierung, Medialisierung, alternative Praktiken, neue wissenschaftliche Analysemodelle und Darstellungsformen)

5. Darstellungsweisen: Wie lässt sich die „Aura“ solcher Produkte in historischer Perspektive erforschen, museal bzw. wissenschaftlich rekonstruieren und darstellen?

Die Jahrestagung der GTG 2015 wird vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam in Kooperation mit dem Gesprächskreis Technikgeschichte (GKTG) organisiert. Der Tagungsort wird Potsdam sein.

Angebote für Vorträge (20 Min., Abstracts von 350-400 Wörtern) sowie ein Kurzlebenslauf werden bis zum 18.1.2015 erbeten an:
Dr. Anne Sudrow (sudrow[at]zzf-pdm.de), Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam.

 

About designabilities

http://www.design-research-lab.org/team/tom-bieling/
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