Technik und Protest

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Technik verändert die Gesellschaft und ihr Naturverhältnis. Sie ist Gegenstand und zugleich Ausgangspunkt und Antriebsfeder für Ängste, Konflikte, Hoffnungen und Heilversprechen.

Ob Flughäfen, Stromtrassen, Atommüllendlager, Bahnhöfe oder Bauten zum Hochwasserschutz: Proteste gegen Infrastrukturprojekte haben Konjunktur. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit lösen große Energie- und Verkehrsprojekte Protest aus, vor allem dann, wenn die Planung ohne Zustimmung der im unmittelbaren Umfeld lebenden Bevölkerung und/oder ohne die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards geplant werden.

Im Rahmen einer zweitägigen Konferenz (22./23.9.2014) der Initiative für Protest- und Bewegungsforschung (IPB), dem Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG) und der Zentraleinrichtung Wissenschaftliche Weiterbildung und Kooperation (ZEWK), wurde an der Berliner TU (Technische Universität) das Verhältnis von Technik und Protest und sozialen Bewegungen und dessen Reflexion in der aktuellen Technikdebatte und Innovationsforschung in den Blick genommen.

Dabei wurden sowohl technische Dimensionen betrachtet, als auch eine Einbettung der Problematik in gesellschaftlichen Praktiken gefordert und vollzogen, was erfeulicherweise immer wieder zu mittelhitzigen Debatten führte. Nicht zuletzt dann, wenn begriffliche Unschärfen drohten, den Diskurs zu verwässern (“Partizipation schön und gut! Aber an was genau ist wie zu partizipieren?”).

Thomas Saretzki (Leuphana Universität) fasste dieses Problem im ersten Panel  mit der Einsicht zusammen, dass nicht nur Technik selbst Konfliktpotenzial in sich birgt, sondern wir es überdies mit “Konfliktefinitionskonflikten” zu tun haben. Ein Problem, das gerade dann fatal zu werden beginnt, wenn diejenigen, die von Technikfolgen betroffenen sind, von Aufklärungs- und Entscheidungsprozessen ausgeschlossen werden. Monika Bricke (Klima Allianz Deutschland) brachte es auf den Punkt: “An zwei Dritteln der Menschen reden wir vorbei”.

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[Prof. Dr. Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung in seiner Eröffnungsrede]

Kernfragen im Verlauf der Tagung waren daher auch folgende: Wie können für weitreichende technologie- und innovationspolitische Entscheidungen künftig zivilgesellschaftliche Akteure mobilisiert werden, um die Effektivität wie Legitimität solcher Entscheidungen zu steigern? Wie wirkungsvoll ist derzeit die breite Beteiligung und ist die Anerkennung von Protesten nur symbolischer bzw. rhetorischer Natur? Welche Folgen für die Technikentwicklung haben die Interventionen zivilgesellschaftlicher Berater und Kritiker? Inwiefern geraten Bewegungen selbst in den Fokus der (Überwachungs-)Technik?

Beispielhaft wurden dazu vergangene, gegenwärtige und geplante Entwicklungen diskutiert, anhand derer die aktuellen Konstellationen von Technik und Protest auszuleuchten sind. In aufeinanderfolgenden Themenpanels (Techniksoziologie und Innovationsforschung, Risikotechnologien, Energiekonflikte, Entwicklungen im globalen Süden, Big Data und Kontrolle) wurde dabei nicht zuletzt deutlich, dass Technik beides zugleich sein kann: Problemlöser und Problemverursacher. Gleichwohl kann Technik nicht losgelöst von den an ihrer Entstehung und Einbettung beteiligten Akteuren bewertet werden. Allem voran: den Unternehmen, der Wissenschaft und der Politik, aber auch Verwaltung, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft.

“Technik”, so Ralf Fücks (Vorstand der Heinrich Böll Stiftung), “ist nicht neutral, sondern entfaltet selbst eine politische Wirkungsmacht”. Ein Aspekt, der im Rahmen der Poster-Session am ersten Konferenztag mit einem DESIGNABILITIES / Design Research Lab Projekt aufgegriffen werden konnte. Anhand der “LormHand” wurden Blickwinkel in Bezug auf barrierefreie Zugänge zu Information und Gesellschaft geschärft, das Prinzip Technik als Empowerment diskutiert, und schließlich Inklusion als Ausgangspunkt für technische und soziale Innovation erhoben.

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[Technik, Inklusion und Empowerment am Beispiel der LormHand]

 

About designabilities

http://www.design-research-lab.org/team/tom-bieling/
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