Policital Interventions (Book Review, german)

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Wann immer soziale Protestbewegungen ihr Formenrepertoire erweitern, verschieben sich auch die Grenzen von politischem Aktionismus und Kunst. Historische Beispiele finden sich etwa im Kontext der Arbeiterbewegung der 1920er, der Friedens-, Frauen-, Studenten- und Bürgerrechtsbewegungen der 1960er, oder der Öko-Bewegung der 1980er Jahre.

Angesichts einer fortwährenden Digitalisierung, die sich nicht nur auf ökonomische Verhältnisse und soziales Verhalten auswirkt, durchläuft auch die Kunst eine Umgestaltung und Neuausrichtung ihres kritischen Potenzials.

Durch ihre bisweilen offene semantische Struktur, zumal im Angesicht vielfältiger, globalisierter und unverzüglicher Kommunikationsbedingungen, beschränkt sich die Rolle der Kunst dabei längst nicht mehr auf das Erzeugen von Gegennarrativen.

Vielmehr offenbaren sich ihr – und durch sie – unmittelbare Verknüpfungspotenziale politischer und künstlerischer Sachverhalte: Kunst als engagierter Gegenpol der Politik zur Entlarvung von Machtsystemen. Kunst als Politik. Politik als Kunst.

Die Ausgestaltung politischer Kunst ist dabei freilich immer auch Gegenstand, gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse, die sich im digital-analogen Spannungsfeld mitunter blitzartig verlagern, überlagern und reformieren ­– was wiederum strategische Handlungsräume für Gesellschafts- und Herrschaftskritik schafft.

Wie Kunst, nicht nur als ästhetisches Konzept, in öffentliche Meinungsbildung intervenieren und maßgebliche Gegenkonzepte erfahrbar und plausibel machen, und somit realpolitisch relevant werden kann, ist Gegenstand des Buches „Political Interventions“*.

Eingefasst von Textbeiträgen (u.a. Mercedes Bunz, Dieter Daniels, Stefan Heidenreich, Dominik Landwehr) nimmt das Werk der Schweizer Medienkünstler Christoph Wachter und Mathias Jud darin eine zentrale Rolle ein, deren Arbeiten im Kosmos aus investigativem und sozialem Engagement, politischem Aktivismus und Aktionismus, und zivilem Ungehorsam als exemplarisch für einen Ansatz politisch motivierter Kunst gelten kann, die gleichermaßen an der Schaffung symbolischer Funktionen, wie an der Umsetzung lebensweltlicher Bezüge interessiert ist.

Sei es mit ihrem Projekt ‘Zone*Interdite’, in dem die sie öffentlich zugängliche Bilder von militärischen Sperrzonen sammeln und zu einer Kartografie der Unterdrückung kompilieren. Sei es mit ihrer dreidimensionalen Guantanamo-Rekonstruktion. Oder mit ihrer Open Source Software qual.net zur Errichtung autonomer Netze. Stets schwingt ein Verständnis über die politische Dimension der Dinge mit, und die Erkenntnis darüber, dass diese manchmal erst im veränderten Zustand ihrer Beschaffenheit für uns greifbar wird.

Im Bewusstsein des politischen Wirkungskreises unserer digitalen Artefakte verdeutlicht sich auch deren gesellschaftliche Relevanz, die spätestens durch ihren Gebrauch oder auch durch ihre (Un-)Zugänglichkeit über Strukturen und Formatierungen sozialer Prozesse und Belange mit entscheidet, zu denen auch die Frage von Inklusion oder Exklusion zählt.

Die Erkundung der Formen und Möglichkeiten politischer Intervention, und die Frage inwieweit Kunst im digitalen Zeitalter Einfluss auf Politik nehmen kann, ist somit schwer von einem moralischen Werteverständnis zu trennen, welches der Mitgestaltung von Gesellschaft zu Grunde liegt.

Und genau hieran verdeutlicht sich auch ein sich verschiebender Kunstbegriff, dessen Erscheinungsform Heidenreich als „nach-ästhetisch“ bezeichnet: In dem Moment wo Kunstwerke auch als Tools genutzt werden (können), die zur Entschlüsselung oder der Durchdringung der digitalen Welt mitsamt ihren Vor- und Nachzügen dienen, erhalten auch Nutzende Gelegenheit, „Paradigmen, die diesen Instrumenten zugrunde liegen, zu hinterfragen und neu zu formulieren“ (Boris Magrini).

Die Möglichkeit zur praktischen Umgestaltung wird dadurch mindestens gleichbedeutend mit der ursprünglichen Kritik an bestehenden Verhältnissen. Bestandaufnahmen sozio-technischer Sachverhalte, politische Intervention und theoretische Reflexion darüber, werden zu äquivalenten Bestimmungsorten der Kunst, und deren iterative Verknüpfung Teil der Strategie.

Tom Bieling, April 2014

 

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* Migros-Kulturprozent / Dominik Landwehr (Hg.): Political Interventions
Edition Digital Culture 1 / Christoph Merian Verlag, 2014, 244 S.,
ISBN: 978-3-85616-609-0

 

About designabilities

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