Die Mobilisierung des Körpers (Conference Report)

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“Die Technik rückt dem Menschen auf den Pelz”. Christoph Asmuth wählte ein eindringliches Bild als Eröffnungs-Statement für das Symposium „Die Mobilisierung des Körpers“ am Dresdner Hygienemuseum. Rund 50 Teilnehmende waren gekommen, um sich an zwei Tagen über vergangene, gegenwärtige, zukünftige, über begehrenswerte oder unerwünschte Techniken auszutauschen, die dem menschlichen Körper wiedererlangbare, erweiterte oder gar neue Fähigkeiten verleihen, und von denen viele im weiteren oder engeren Sinne als Prothesen gelten.

Unterschiedliche Dimensionen rund um den “Menschen als Schnittstelle” standen dabei im Fokus. Die Vielfalt der Themen erstreckte sich von der Geschichtlichkeit der Prothese (Thomas Schnalke), über popkulturelle Aspekte und solche der medialen Inszenierung von körperlicher Behinderung und technischen Artefakten (Sabine Kienitz), bis hin zur Inklusion des Posthumanen (Georg Seeßlen & Markus Metz), sowie künstlerischen Aneignungen des Prothesenmotivs als kritische Kommentare auf Körperobjektivierungen und postindustrielle Technisierungsschübe (Karin Harrasser).

Die Berührungspunkte zwischen Mensch und Prothese variieren stets in einem wabernden Kosmos zwischen Gebrauchsding, symbolischem Objekt, kritischer Vision oder Bildmetapher. Ein Motivkomplex, den Roland Innerhofer als “Ort der Verarbeitung kultureller, medialer und technikgeschichtlicher Umbrüche wie der Austragung sozialer Konflikte” beschreibt.

Der Frage nachgehend, wie denn eigentlich der “Vorzeigeinvalide” des 21. Jahrhunderts aussieht, deckte Sabine Kienitz einerseits eine große Bandbreite der Visualisierung von Versehrtheit auf, stellte jedoch auch fest, dass diese immer noch sehr stark an dualistische Vorstellungen des 20. Jahrhunderts angelegt ist: Der versehrte Mensch entweder als Opfer oder als Held.

Die Prothese die laut Karin Harrasser einen Verlust ebenso markiert wie maskiert, dient jedoch längst nicht mehr ausschließlich der Kompensation sondern auch der Extension. Wurden Artefakte früher an den Körper angebaut (Exoprothesen), so können sie heute zunehmend eingebaut werden (Endoprothesen). In Zeiten, in denen sich Schönheit zunehmend auch als ein Aspekt der Gesundheit etabliert, werden Prothesen dabei nicht nur auf den Aspekt des Substituierens reduziert, sondern dienen zunehmend auch einer auf Makellosigkeit ausgerichteten Optimierungstechnik (Epithesen).

Begriffliche Dimensionen der Prothetik werden in diesem Themenkomplex schnell dehnbar. So zeigte Thomas Schnalke: Auch eine Narbe, als Funktionsersatzgewebe, ist im Grunde nichts anderes als eine (in dem Fall vom menschlichen Körper selbst produzierte) Prothese. Der Hauptfokus des Symposiums lag jedoch klar auf den künstlich erzeugten, steuer- oder modifizierbaren Körperteilen: den Anthropofakten.

Doch wo fängt die Körper-Ding-Synthese an? Wo hört sie auf? Wie Irmela Krüger-Fürhoff darzulegen vermochte, werden Ersatzglieder, Neuroimplantate oder Organtransplantate „in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich voneinander unterschieden, weil sie verschiedene Vorstellungen von ‘Natürlichkeit’ und ‘Künstlichkeit’ bzw. ‘Technizität’ sowie von körperlicher Integration, aktiver Steuerbarkeit und Sichtbarkeit aufrufen“.

Anschaulich rekonstruierten somit einige der Vorträge wie biologische und technische ‘Ersatzteile’ kulturell entworfen werden, und wie sowohl die Verletzlichkeit des menschlichen Leibes, als auch seine Aufgeschlossenheit gegenüber technischer Modifizierbarkeit ästhetisch, kritisch und konstruktiv in Literatur, Kunst, Film, Museumssammlungen, in der Werbung oder den Massenmedien verhandelt werden. Und welche Vorstellungen von (Im)perfektion, also von Vollkommenheit und Optimierbarkeit dem eigentlich zu Grunde liegen.

Georg Seeßlen und Markus Metz rückten dabei zweierlei ins Zentrum des Interesses: Die Machbarkeit und die Vorstellbarkeit: „Die Machbarkeit des Menschen 2.0, des prothetisch, chemisch und digital ‚verbesserten’ Übermenschen wird in den teils offenen, teils nicht ganz so offenen Wissenschaftszentren und nicht zuletzt an den Knotenpunkten des militärisch-wissenschaftlich-ökonomischen Komplexes erprobt. Die Vorstellbarkeit dagegen in den Bilder- und Erzählmaschinen der populären Kultur. In einer visuellen und medialen Kultur wie der unseren orientiert man sich mehr denn je an der Vorstellbarkeit, denn diese bestimmt nicht zuletzt darüber, ob eine der vielen Maßnahmen der technischen und medizinischen Menschenverbesserungen eine Marktchance bietet oder nicht“.

Unabhängig davon habe jedoch Stanislav Lems Einsicht zu gelten, dass alles, was sich technisch machen und vorstellen lässt, auch gemacht wird. Was das in Bezug auf Asmuths Pelz-Metapher bedeutet, ist eine der zentralen Fragen hinsichtlich der zukünftigen Mensch-Maschine Konfigurationen, in deren Zuge auch zu klären sein wird, ab welchem Punkt „das Humane im Menschen zerfällt“. Und umgekehrt stellt sich auch die Frage nach der Technik. Nicht nur in Bezug auf die „Gefahr, die sie für unser Selbst- und Körperbild bedeutet, indem sie den Menschen technisiert, sondern auch danach, inwieweit sich die Technik tatsächlich vermenschlichen lässt“ (Asmuth).

Kein Zweifel: Die Gestaltung unser Lebenswelt bis hinein in die Verzweigungen soziotechnischer Systeme bestimmt in bemerkenswerter Weise die Evolution des Menschen als Mängelwesen hin zum Cyborg. Zumal dann, wenn uns die Technik nicht nur auf den Pelz rückt, sondern unter die Haut geht.

Tom Bieling, März 2014

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[v.l.n.r.: Roland Innerhofer, Tatjana Noemi Tömmel und Irmela Marei Krüger-Fürhoff im Panel “Helden, Krüppel, Übermenschen – Prothetik in der Literatur”]

About designabilities

http://www.design-research-lab.org/team/tom-bieling/
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