Book Review (german): Körper 2.0 – Über die technische Erweiterbarkeit des Menschen

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Transcript, Oktober 2013, 144 S., kart., 17,99 €; ISBN 978-3-8376-2351-2

Dass im Zuge zunehmender Vernetzung und den uns permanent umgebenden, unterstützenden oder behindernden Dingen, unsere Körper immer nur „teilweise unsere“ sind, eine strikte Trennung von Mensch und dem „Anderen“, der Technologie oder der Maschine also nicht immer ganz einfach zu vollziehen ist, liegt auf der Hand: Stets handelt etwas mit, wenn wir handeln, denkt etwas mit, wenn wir denken, empfindet etwas mit, wenn wir empfinden.

Welche Begriffe, welche Bilder, welche Erzähl- und Deutungsweisen haben wir jedoch, um besser verstehen zu können, dass unser Alltagsleben von nicht-menschlichen Akteuren, und somit auch wir selbst von sozialen und maschinischen Technologien durchdrungen sind?

In Körper 2.0 geht die Kulturwissenschaftlerin Karin Harrasser der Frage nach dem Status des Körpers im Zeitalter seiner technischen Überarbeitung nach. Und zeigt Wege auf, wie wir anders über diesen Zustand nachdenken können.

Ins Zentrum des Interesses rückt dabei: der Homo Protheticus, also der zum Artefakt konzipierte Mensch, der als Mängelwesen auf technoide, künstlich generierte Weise zunehmende Optimierung im Sinne einer Komplettierung erfährt. Es stellt sich dabei die Frage, inwieweit den Körper betreffende Eingriffe künftig weiterhin als Kompensation von Defiziten begriffen, oder aber als erstrebenswerte Optimierung und Erweiterung verstanden werden.

Aus der anthropotechnischen Option, der „Machbarkeit“ des Körpers lässt sich freilich nicht nur vorteilhaftes ableiten, wie sich etwa am Beispiel von Prothesen vermuten ließe. Längst ist eine „verinnerlichte Kultur der Selbstverbesserung“ zum gesellschaftlichen Imperativ geworden. Im Dickicht aus Schönheitswahn, Enhancement-Präparaten, verschärftem Wettbewerb und krisengebeutelten Zeiten der Ungewissheit gedeiht eine verhängnisvolle, nicht zuletzt der neokapitalistischen Logik entsprechende Ideologie der fortwährenden Selbstoptimierung.

Wie es dabei gelingen kann, der Dauerpräsenz überindividueller, nicht-menschlicher Wesen im Zusammenleben sinnvoll zu begegnen, wird angesichts der wachsenden Möglichkeiten von Bio- und Medizintechnik zunehmend wichtiger und gleichermaßen schwieriger zu beantworten. Karin Harrasser liefert einen ersprießlichen Baustein dahingehend, wie den genannten Entwicklungen begrifflich und praktisch, programmatisch und spekulativ, bildhaft und narrativ begegnet werden kann, um „die Abhängigkeiten und Anhänglichkeiten zwischen technischen und organischen Akteuren besser zu beobachten, zu analysieren, zu gestalten.“

Tom Bieling, Dezember 2013

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