Book Review (german): Fritz Kahn – Man Machine


[BuchCover: Fritz Kahn – Man Machine;  Springer Wien New York, 2009]

Halb Wesen und halb über Ding
Tom Bieling

Was haben eine Fabrik und ein Penis gemeinsam? Worin liegt die Parallele der menschlichen Verdauung zur Eisenbahntechnologie?

Synchron zur gleichnamigen Ausstellung in der Berliner Charité, bringen uns die Autoren Uta und Thilo von Debschitz mit dem Buch „Fitz Kahn – Man Machine“ das eindrucksvolle Werk des Berliner Mediziners, Wissenschaftsautors und Infografikers Dr. Fritz Kahn (1889 – 1968) nahe.

Insbesondere in den 1920/30er Jahren veranschaulichte dieser mit seinen hochgradig modernen Mensch-Maschine-Analogien den Aufbau und die Funktionsweisen des menschlichen Körpers, und trug damit wesentlich zu einer gleichermaßen medizinisch-inhaltlich gehaltvollen, wie visuell-analytisch ansprechenden Populär-Auseinandersetzug mit dem, bis dato eher der akademischen Welt vorenthaltenen, Objekt „Mensch“ bei.


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Mit seiner Bildsprache in der er traditionelle biologisch-medizinische Veranschaulichungen der menschlichen Anatomie mit stilistischen Bezügen zum Surrealismus oder Art déco collagiert, wagt und versteht Kahn die Balance zwischen erzählerischer Plausibilität, humorvoller Dramaturgie, wissenschaftlicher Stringenz und Erkenntnisinteresse. Eine Mixtur die idealer weise den Laien gleichermaßen informiert wie den Fachmann beflügelt.


[*; Kahn: Kreislauf von Kraft und Stoff]

Der Untersuchungsgegenstand „Mensch“ erfährt in Kahns analytischen Annäherungen, in Parallele zu zeittypischen Diskursen über Körperbilder der Moderne, einen Deckungsbezug in der Konstruktion des Menschen als Maschinenwesen, das gleichermaßen in dem ihn umgebenden industriellen (Gesellschafts-) Apparat, zahnradgleiche Positionen übernimmt.


[*; Kahn: Auto und Ohr]

Streckenweise – so viel ist aus heutiger Sicht gewiss – schießen Kahns Visualisierungen in ihrer epischen Detailverliebtheit übers Ziel hinaus. Inhaltliche Korrektheit hat hier bisweilen unter einem mitunter über ambitioniertem metaphorischen Erzählstil zu leiden. Deutlich wird jedoch auch, dass heutige Wissenschaftsvermittlung, insbesondere in Bezug auf eine gesamtgesellschaftliche Breitenförderung, immer noch eine Menge lernen kann von visionären Darstellungsansätzen eines Fritz Kahn, in denen logisch-penible Kausalzusammenhänge nicht immer trocken-abstrakt transportiert werden müssen, sondern durchaus auch anderer (z.b. poetischer, visueller, metaphorischer) Darstellungsformen bedürfen, um sie einerseits zugänglich zu machen und andererseits für etwaige Ansätze, Nutzungen und Rückschlüsse potenziell zu öffnen.

 
[*; Kahn: Biologie des Bratendufts]

Das Buch „Man Machine“ ist somit zweierlei. Zum einen konserviert und beschert es uns die beinah vergessene Geschichte eines Deutschen Forscherschicksals: Kahns als dessen Hauptwerk geltende fünfbändige Reihe „Das Leben des Menschen“ (1922–1931) erfuhr seinerzeit internationale Beachtung. Bereits wenige Jahre nach seinem Erscheinen wurde es verboten und verbrannt. Als Plagiat erschien es dann erneut im selben Verlag – diesmal mit einem antisemitisch geprägten Zusatzkapitel.
Zum anderen ist dieses Zeitdokument in seinem populärwissenschaftlichen Ansatz hochaktuell, indem es nachfolgenden Generationen von Forschern und Gestaltern das Potenzial unterschiedlicher Wissensstile und Denkformen vor Augen hält.

[Tom Bieling]


* Alle Bilder: © Debschitz

Mehr infos zu Buch und Ausstellung
http://www.fritz-kahn.com/

About designabilities

http://www.design-research-lab.org/team/tom-bieling/
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